Rückendeckung?

Vučićs Freunde aus Europa: Kurz und Hahn mitten im serbischen Wahlkampf

Während das Verhältnis Belgrads zur Europäischen Union zunehmend unter Spannung steht, präsentiert Aleksandar Vučić demonstrativ zwei prominente „Freunde“ aus Österreich.

Aleksandar Vučić im Gespräch mit Gästen aus Österreich und Deutschland. An der Runde nahmen unter anderem Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, der frühere EU-Kommissar Johannes Hahn und Serbiens Botschafter in Wien, Marko Blagojević, teil. (© Aleksandar Vučić Facebook)

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić (SNS) hat am Sonntag Fotos eines Treffens mit Gästen aus Österreich und Deutschland veröffentlicht. Darauf zu sehen sind unter anderem der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der ehemalige EU-Kommissar und amtierende Präsident des Generalrats der Österreichischen Nationalbank Johannes Hahn (ÖVP) sowie Serbiens Botschafter in Österreich, Marko Blagojević. Das Timing ist bemerkenswert – Serbien steuert auf vorgezogene Parlamentswahlen zu.

Vučić sprach von einem „Arbeitswochenende mit Freunden aus Österreich und Deutschland“. Man habe über neue Ideen, Geschäfte und Investitionen sowie darüber gesprochen, was gemeinsam getan werden könne, damit Serbien weiter vorankomme und „erfolgreiche Menschen und große Unternehmen“ anziehe. Zum Abschluss schrieb der Präsident: „Viel Arbeit und gute Gespräche für Serbien.“

Politisch interessant ist weniger, dass Vučić Kurz und Hahn trifft. Bemerkenswert sind der Zeitpunkt und die öffentliche Inszenierung.

Auffällig ist, dass es sich keineswegs nur um ein Treffen Vučićs mit Kurz und Hahn handelte. Die vom serbischen Präsidenten veröffentlichten Aufnahmen zeigen eine größere Gesprächsrunde mit zahlreichen Teilnehmern. Wer die weiteren Gäste aus Österreich und Deutschland waren, welche Unternehmen oder Organisationen sie vertraten und über welche konkreten Investitionen gesprochen wurde, machte Vučić zunächst nicht öffentlich.

Wahlkampf ohne offiziellen Wahltermin

Serbien befindet sich faktisch bereits im Wahlkampf. Die SNS hat Vučić am Wochenende nicht nur zum Spitzenkandidaten ihrer Liste bestimmt, sondern auch als künftigen Premierminister nominiert. Am Montag beantragte die serbische Regierung offiziell die Auflösung des Parlaments und machte damit den Weg für vorgezogene Parlamentswahlen frei.

Vor diesem Hintergrund bekommen die Bilder eine andere Bedeutung. Sebastian Kurz bekleidet heute kein politisches Amt.

* Bei Johannes Hahn ist die Lage differenzierter: Der frühere EU-Kommissar ist seit Jänner 2026 Präsident des Generalrats der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und damit Inhaber einer bedeutenden öffentlichen Funktion in Österreich. Er vertritt damit allerdings weder die österreichische Bundesregierung noch die Europäische Union. Aus seiner Teilnahme lässt sich daher keine direkte politische Unterstützung Wiens oder Brüssels für Vučić ableiten. Politisch relevant bleibt dennoch die Inszenierung: Vučić präsentiert die Begegnung selbst als Treffen mit „Freunden“ aus Österreich und Deutschland, die mit ihm über Investitionen und Serbiens wirtschaftliche Zukunft sprechen – und zeigt dabei mitten im beginnenden Wahlkampf neben einem ehemaligen Bundeskanzler auch einen amtierenden Spitzenfunktionär der österreichischen Zentralbank.

Kontrast zu Brüssel

Die Bilder erscheinen zudem in einer Phase, in der das Verhältnis zwischen Belgrad und Teilen der EU angespannt ist. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte ihren geplanten Besuch in Serbien nach der Rückführung des Leichnams des wegen Genozids und Kriegsverbrechen verurteilten Ratko Mladić und der öffentlichen Glorifizierung des ehemaligen bosnisch-serbischen Militärchefs ab. Kos bezeichnete den Umgang damit als wichtigen Test für Serbiens europäischen Kurs.

Genau in diesem politischen Umfeld zeigt Vučić nun zwei Männer, die in Serbien über Jahre geradezu stellvertretend für die Verbindung nach Österreich und Brüssel standen.

Johannes Hahn war von 2014 bis 2019 EU-Kommissar für Erweiterung und damit während einer entscheidenden Phase der serbischen Beitrittsverhandlungen einer der wichtigsten Ansprechpartner Belgrads in Brüssel. Sebastian Kurz wiederum pflegte während seiner Zeit als österreichischer Außenminister und später als Bundeskanzler ein enges Verhältnis zu Vučić und gehörte zu den prominenten europäischen Befürwortern einer EU-Perspektive für den Westbalkan.

Alte Netzwerke, neue Wirkung

Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass Kurz oder Hahn an einer Wahlkampfstrategie der SNS beteiligt sind oder Vučić offiziell bei den bevorstehenden Wahlen unterstützen. Die politische Wirkung der veröffentlichten Bilder funktioniert jedoch unabhängig davon.

Vučić kann damit ein vertrautes Narrativ bedienen: Während einzelne EU-Vertreter Belgrad kritisieren, verfügt der serbische Präsident weiterhin über persönliche Zugänge zu bekannten europäischen Persönlichkeiten.

Diese Unterscheidung dürfte in den kommenden Wochen entscheidend werden. Denn Vučić tritt zunehmend gleichzeitig in zwei Rollen auf: als amtierender Staatspräsident und als designierter Spitzenkandidat und Premierministerkandidat des Regierungslagers.

Damit wird auch bei vermeintlich privaten oder wirtschaftlichen Begegnungen die Grenze zwischen Amtsführung und Wahlkampf schwerer zu erkennen. Das Foto mit Kurz und Hahn ist dafür ein frühes Beispiel.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Johannes Hahn ausschließlich als ehemaliger EU-Kommissar bezeichnet und seine aktuelle Funktion als Präsident des Generalrats der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) nicht berücksichtigt. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert und präzisiert. Wir ersuchen um Entschuldigung für diesen Fehler.

Kein Zugang

Sie besitzen derzeit keine gültige Lizenz WB+ für das Westbalkan Briefing. Für Informationen zum Erwerb einer Lizenz kontaktieren Sie uns bitte unter office@westbalkan.at

Tags