Menschen aus dem Westbalkan gehören zu den etabliertesten Zuwanderungsgruppen Österreichs. Das neue Statistische Jahrbuch „Migration & Integration 2026“ des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) zeigt ihre besondere Stellung: Hunderttausende leben seit Jahrzehnten im Land, ihre Erwerbsbeteiligung ist vergleichsweise hoch und die zweite Generation rückt bei Bildung und beruflicher Stellung näher an die österreichische Mehrheitsgesellschaft. Gleichzeitig bleiben deutliche Unterschiede bei Einkommen, Wohnen und Bildungsabschlüssen. Besonders aufschlussreich sind neue Daten aus Bosnien und Herzegowina und Serbien: Die Zugehörigkeit zu Österreich ist stark – Benachteiligungserfahrungen bleiben dennoch weit verbreitet.
Allein 612.000 Menschen in österreichischen Privathaushalten hatten 2025 einen Migrationshintergrund aus den außerhalb der Europäischen Union gelegenen Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Gemeint sind Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Das entspricht 24 Prozent sämtlicher Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich. Albanien wird in dieser Statistik nicht separat, sondern innerhalb einer größeren Gruppe sonstiger Drittstaaten erfasst. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit Herkunft aus den sechs Westbalkanstaaten liegt daher noch höher.
Serbische Community größer als die Passstatistik zeigt
Besonders sichtbar ist die enge Verflechtung zwischen Österreich und dem Westbalkan bei der Staatsangehörigkeit. Anfang 2026 lebten 122.527 serbische Staatsangehörige in Österreich. Damit waren sie nach Deutschen, Rumänen und Türken die viertgrößte Gruppe ausländischer Staatsangehöriger im Land.
Diese Zahl bildet die tatsächliche Größe der serbischstämmigen Bevölkerung allerdings nur zu einem Teil ab. Seriöse Schätzungen gehen von bis zu 350.000 Menschen mit serbischen Wurzeln in Österreich aus – unabhängig davon, welche Staatsangehörigkeit sie heute besitzen. Dazu zählen insbesondere eingebürgerte österreichische Staatsbürger sowie deren in Österreich geborene Nachkommen. Nach dieser weiter gefassten Betrachtung stellen Menschen mit serbischen Wurzeln die größte Bevölkerungsgruppe nicht-österreichischer Herkunft in Österreich dar.
Auch bei den anderen Westbalkanstaaten liegt die Zahl der Menschen mit entsprechenden Wurzeln deutlich über der reinen Passstatistik. Anfang 2026 lebten 102.105 Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina, 29.578 aus dem Kosovo und 27.513 aus Nordmazedonien in Österreich. Gemeinsam mit den serbischen Staatsangehörigen summieren sich diese vier Gruppen bereits auf rund 281.700 Menschen. Montenegro und Albanien befinden sich nicht unter den 25 größten im Jahrbuch separat ausgewiesenen Nationalitäten.
Gerade deshalb greift eine Betrachtung allein nach Staatsangehörigkeit zu kurz. Viele Menschen aus der Region leben seit Jahrzehnten in Österreich, wurden eingebürgert oder gehören bereits der zweiten oder dritten Generation an. Die Passstatistik erfasst diese gesellschaftliche Realität nur noch eingeschränkt.
Wie stark die Communities inzwischen in Österreich verwurzelt sind, zeigt auch das Statistische Jahrbuch: 32 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund aus den außerhalb der EU gelegenen Nachfolgestaaten Jugoslawiens wurden bereits in Österreich geboren. Von insgesamt rund 612.000 Menschen dieser Herkunftsgruppe gehören damit etwa 196.000 der zweiten Generation an.
Eine der ältesten Zuwanderungsgruppen Österreichs
Auch die Altersstruktur unterscheidet die Westbalkan-Communities deutlich von jüngeren Flucht- und Zuwanderungsgruppen. Serbische Staatsangehörige waren Anfang 2026 durchschnittlich 41,9 Jahre, Staatsangehörige von Bosnien und Herzegowina 41,7 Jahre alt. Damit gehören sie gemeinsam mit Deutschen zu den ältesten größeren ausländischen Bevölkerungsgruppen Österreichs.
Nordmazedonische Staatsangehörige waren im Durchschnitt 35,4 Jahre, Menschen mit kosovarischem Pass 33,1 Jahre alt. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter aller ausländischen Staatsangehörigen lag bei 36,6 Jahren, jenes österreichischer Staatsangehöriger bei 45,6 Jahren.
Auch die Verbleibedauer bestätigt die dauerhafte Verankerung. Von den zwischen 2016 und 2020 nach Österreich gezogenen Personen lebten fünf Jahre später noch 66,7 Prozent der kosovarischen, 60,4 Prozent der bosnisch-herzegowinischen, 58,4 Prozent der nordmazedonischen und 46,5 Prozent der serbischen Staatsangehörigen im Land. Der Durchschnitt aller ausländischen Zuwanderer lag bei 53,6 Prozent.
Arbeitsmarkt: hohe Integration, aber strukturelle Unterschiede
Auf dem Arbeitsmarkt ergibt sich ein differenziertes Bild. Für Staatsangehörige des ehemaligen Jugoslawiens außerhalb der EU – also im Wesentlichen die fünf Westbalkanstaaten Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien – lag die Erwerbstätigenquote 2025 bei 67,6 Prozent. Damit blieb sie unter jener österreichischer Staatsangehöriger von 76,2 Prozent.
Die Arbeitslosenquote dieser Gruppe erreichte 11,8 Prozent. Zum Vergleich: Bei österreichischen Staatsangehörigen betrug sie 6,1 Prozent, bei allen ausländischen Staatsangehörigen 11,0 Prozent.
Gleichzeitig stellen Menschen aus den nicht zur EU gehörenden Nachfolgestaaten Jugoslawiens mittlerweile eine der wichtigsten migrantischen Beschäftigtengruppen des Landes. Rund sieben Prozent aller Erwerbstätigen Österreichshatten 2025 einen entsprechenden Migrationshintergrund – die größte einzelne Herkunftsgruppe innerhalb der Beschäftigten mit Migrationshintergrund.
Auffällig ist jedoch die berufliche Positionierung. Nur vier Prozent der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund aus dem ehemaligen Jugoslawien außerhalb der EU waren selbstständig – die niedrigste Quote aller untersuchten Herkunftsgruppen.
Bildung bleibt die große Schwachstelle
Besonders deutlich werden strukturelle Unterschiede beim Bildungsniveau. Unter den 25- bis 64-Jährigen mit Migrationshintergrund aus den fünf Westbalkanstaaten (ohne Albanien) verfügten 2025 rund 27,5 Prozent lediglich über einen Pflichtschulabschluss.
Weitere 43,7 Prozent hatten eine Lehre oder berufsbildende mittlere Schule abgeschlossen, 18,8 Prozent eine AHS oder BHS. Lediglich 9,9 Prozent hatten einen Hochschul- oder Akademieabschluss.
Damit unterscheidet sich das Bildungsprofil erheblich von der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Dort hatten nur 7,9 Prozent maximal einen Pflichtschulabschluss und 22,7 Prozent einen Hochschulabschluss. Allerdings zeigt das Jahrbuch zugleich einen deutlichen Generationeneffekt: Die Bildungs- und Berufsstruktur der zweiten Generation nähert sich insgesamt stärker jener der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund an.
Auch bei der Hochschulbildung bleibt die Verbindung mit der Region sichtbar. Im Wintersemester 2024/25 studierten an Österreichs öffentlichen Universitäten 2.055 bosnisch-herzegowinische und 1.408 serbische Staatsangehörige. Bosnien und Herzegowina gehörte damit weiterhin zu den 20 wichtigsten Herkunftsländern ausländischer Studierender.
Bemerkenswert ist allerdings die langfristige Entwicklung: Gegenüber 2014/15 sank die Zahl der bosnisch-herzegowinischen Studierenden um 22 Prozent.
Rund 28.950 Euro Nettojahreseinkommen
Die Unterschiede am Arbeitsmarkt spiegeln sich im Einkommen wider. Ganzjährig unselbstständig Beschäftigte aus den fünf Westbalkanstaaten kamen 2024 im Median auf ein Nettojahreseinkommen von rund 28.950 Euro.
Der österreichweite Median lag bei 34.292 Euro, österreichische Staatsangehörige erreichten 35.968 Euro. Damit lag das mittlere Nettoeinkommen der Westbalkan-Gruppe um rund 7.000 Euro beziehungsweise knapp ein Fünftel unter jenem österreichischer Staatsangehöriger.
Auch die Armutsgefährdung bleibt erhöht. Von Personen, die in den Westbalkanstaaten geboren wurden, waren 2024 27 Prozent armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Für in Österreich Geborene lag dieser Anteil bei 13 Prozent.
Sozialleistungen spielen entsprechend eine erhebliche Rolle: Ohne Sozialtransfers hätte die Armutsgefährdungsquote der Gruppe bei 37 Prozent gelegen, nach Transfers betrug sie 21 Prozent – eine der stärksten armutsreduzierenden Wirkungen unter den ausgewiesenen Herkunftsgruppen.
29 Quadratmeter pro Kopf
Auch beim Wohnen bleiben deutliche Unterschiede bestehen. Haushalte mit einer Referenzperson aus den Westbalkanstaaten verfügten 2025 durchschnittlich über 29 Quadratmeter Wohnfläche pro Person. Der österreichweite Durchschnitt lag bei 47 Quadratmetern, Haushalte ohne Migrationshintergrund kamen auf 54 Quadratmeter.
72 Prozent dieser Westbalkan-Haushalte lebten in Mietwohnungen. Allerdings vermerkt die Statistik Austria gerade für Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei einen langfristigen Anstieg des Wohneigentums. Die ökonomische Etablierung zeigt sich damit zunehmend auch in der Wohnstruktur.
Räumlich ist die Konzentration ebenfalls überdurchschnittlich. Der Segregationsindex weist insbesondere für serbische und nordmazedonische Staatsangehörige eine relativ starke Konzentration auf bestimmte österreichische Gemeinden beziehungsweise Stadtgebiete aus.
Bosnier fühlen sich besonders stark Österreich zugehörig
Eine der interessantesten Ergänzungen des Jahrbuchs ist die Migrationserhebung 2026. Für sie befragte Statistik Austria unter anderem 563 in Bosnien und Herzegowina und 465 in Serbien geborene Menschen. Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Albanien wurden in diesem Teil der Untersuchung nicht als eigene Stichproben erhoben.
Die Ergebnisse zeigen eine starke Bindung an Österreich. Von den in Bosnien und Herzegowina Geborenen erklärten 77,8 Prozent, sie fühlten sich Österreich zugehörig. Unter den in Serbien Geborenen waren es 72,1 Prozent.
Gleichzeitig bleibt die Verbindung zum Herkunftsland bestehen: 51,5 Prozent der in Bosnien und Herzegowina Geborenen und 47,1 Prozent der in Serbien Geborenen fühlten sich auch ihrem Herkunftsland zugehörig. Die Daten sprechen damit eher für multiple Identitäten als für ein Entweder-oder zwischen Österreich und Herkunftsland.
Deutschkenntnisse gehören zu den besten
Auch sprachlich gehören die beiden Gruppen zu den am stärksten etablierten der untersuchten Zuwanderungsgruppen. 70 Prozent der in Bosnien und Herzegowina und 67 Prozent der in Serbien Geborenen stuften ihre Deutschkenntnisse als zumindest gut ein. Kein anderes untersuchtes Herkunftsland erreichte einen höheren Wert als Bosnien und Herzegowina.
Zu Hause dominiert dennoch häufig die Herkunftssprache. Nur 12,1 Prozent der Befragten aus Bosnien und Herzegowina und 16,6 Prozent aus Serbien sprachen zu Hause überwiegend oder ausschließlich Deutsch. Mit Freunden steigt der Deutschanteil: 22,7 Prozent der Bosnier und 26,8 Prozent der Serben verwendeten dabei überwiegend oder ausschließlich Deutsch; jeweils mehr als die Hälfte kommunizierte bilingual.
Integration schützt nicht vor Benachteiligung
Die wohl widersprüchlichsten Ergebnisse liefert die Befragung zu Diskriminierung. Obwohl Bosnier und Serben zu den am längsten etablierten und sprachlich am stärksten integrierten Gruppen gehören, gaben jeweils 67 Prozent an, in den vergangenen zwölf Monaten zumindest selten aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt worden zu sein.
Damit lagen sie zwar gemeinsam mit Rumänen am unteren Ende der untersuchten Zuwanderungsgruppen – der absolute Wert bleibt dennoch hoch. Bei Arbeit oder Ausbildung berichteten 56 Prozent der Befragten aus Bosnien und Herzegowina von zumindest gelegentlichen oder seltenen Benachteiligungen; damit wiesen sie den niedrigsten Wert aller untersuchten Gruppen auf.
Im Gesundheitswesen sieht das Bild positiver aus: 60 Prozent der in Bosnien und Herzegowina Geborenen und 61 Prozent der aus Serbien stammenden Befragten erklärten, bei Arzt- oder Krankenhausbesuchen in den vergangenen zwölf Monaten niemals aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt worden zu sein.
Gleichzeitig beurteilen gerade langjährig etablierte Gruppen die gesellschaftliche Entwicklung teilweise kritischer. 45 Prozent der in Serbien und 35 Prozent der in Bosnien und Herzegowina Geborenen nahmen in den vergangenen drei Jahren eine Verschlechterung des Zusammenlebens im öffentlichen Raum wahr. Bei jüngeren Zuwanderungsgruppen aus Afghanistan oder Syrien lagen die entsprechenden Werte bei lediglich 13 beziehungsweise 14 Prozent.
Auch die persönliche Bilanz ist nicht uneingeschränkt positiv. 32 Prozent der in Serbien Geborenen berichteten von einer Verbesserung ihrer Lebenssituation in den vergangenen drei Jahren – gleichzeitig erklärten 26 Prozent, ihre Situation habe sich verschlechtert. Nur bei Zugewanderten aus der Türkei war dieser Anteil noch etwas höher. Bei Menschen aus Bosnien und Herzegowina berichteten 29 Prozent über eine Verbesserung.
Von der „Gastarbeit“ zur österreichischen Gesellschaft
Die Zahlen des Jahrbuchs zeichnen damit ein Bild, das mit der klassischen Vorstellung von Migration aus dem Westbalkan nur noch wenig zu tun hat. Die Communities aus der Region sind keine vorübergehende Zuwanderungsgruppe. Ein erheblicher Teil lebt seit Jahrzehnten in Österreich, Hunderttausende gehören bereits zur zweiten Generation oder besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft.
Gleichzeitig ist Integration kein abgeschlossener Prozess. Die starke Erwerbsbeteiligung, gute Deutschkenntnisse und hohe emotionale Zugehörigkeit zu Österreich stehen weiterhin niedrigeren Einkommen, geringerer Wohnfläche und einem im Durchschnitt niedrigeren formalen Bildungsniveau gegenüber. Gerade die Daten aus Bosnien und Herzegowina und Serbien zeigen zudem, dass selbst lange Aufenthaltsdauer und sprachliche Integration Benachteiligungserfahrungen nicht verschwinden lassen.
Für Österreich ist der Westbalkan damit längst mehr als eine wichtige außenpolitische Nachbarregion. Er ist ein Teil der eigenen demographischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität.
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