Historisches Urteil

Schuldig wegen Kriegsverbrechen: 25 Jahre Haft für ehemaligen kosovarischen Staatspräsidenten Hashim Thaçi

Hashim Thaçi im Gerichtssaal in Den Haag: Der frühere Präsident des Kosovo wurde wegen Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und zu 25 Jahren Haft verurteilt. (© Screenshot)

Das Kosovo-Sondergericht in Den Haag hat am Mittwoch sein mit Spannung erwartetes erstinstanzliches Urteil gegen vier der prominentesten früheren Führungspersönlichkeiten der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK verkündet. Der ehemalige kosovarische Präsident Hashim Thaçi wurde zu einer einheitlichen Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt.

Auch die drei Mitangeklagten wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt: Jakup Krasniqi erhielt 25 Jahre, Kadri Veseli 18 Jahre und Rexhep Selimi 13 Jahre. Die bereits in Untersuchungshaft verbrachte Zeit wird auf die Strafen angerechnet.

Schuldig wegen vier Kriegsverbrechen

Das Gericht sprach die vier Angeklagten wegen rechtswidriger beziehungsweise willkürlicher Festnahme und Freiheitsentziehung, grausamer Behandlung, Folter und Mord als Kriegsverbrechen schuldig. Thaçi und seine Mitangeklagten hatten die gegen sie erhobenen Vorwürfe bestritten. Die Anklage hatte Haftstrafen von bis zu 45 Jahren gefordert.

Nach den Feststellungen des Gerichts erstreckten sich die Straftaten auf zahlreiche Orte im Kosovo sowie auf Standorte im Norden Albaniens. Das Gericht stellte fest, dass UÇK-Mitglieder mindestens 385 Menschen rechtswidrig festgenommen oder ihrer Freiheit beraubt hätten. 303 Menschen seien gefoltert, 49 grausam behandelt und 96 getötet worden.

Der Vorsitzende Richter verwies bei der Strafzumessung insbesondere auf die Schwere und die Folgen der Straftaten, den jeweiligen Beitrag der Angeklagten sowie erschwerende und mildernde Umstände.

Das Gericht bewertete die Taten als groß angelegt und von außerordentlicher Schwere. Die Straftaten seien in 14 Gemeinden im Kosovo sowie an Orten in zwei Gebieten Nordalbaniens begangen worden.

Gericht sieht gemeinsamen kriminellen Zweck

Von zentraler Bedeutung für das Urteil ist die Feststellung des Gerichts, dass die vier Angeklagten einen gemeinsamen kriminellen Zweck verfolgt und wesentlich zu dessen Umsetzung beigetragen hätten. Ziel war nach Auffassung des Gerichts das Vorgehen gegen Personen, die als Gegner der UÇK wahrgenommen wurden.

Zu den Betroffenen gehörten Menschen, denen Zusammenarbeit mit serbischen Behörden vorgeworfen wurde, aber auch politische Gegner und andere Personen, deren Loyalität gegenüber der UÇK infrage gestellt wurde.

Das Gericht kam zu dem Schluss, dass alle vier Angeklagten strafrechtliche Verantwortung für mehrere im Rahmen dieses gemeinsamen Vorhabens begangene Verbrechen tragen.

Thaçi laut Gericht in Schlüsselposition

Hashim Thaçi nahm nach den Feststellungen des Gerichts als Mitglied des UÇK-Generalstabs und Leiter der politischen Direktion eine Schlüsselrolle ein. Gemeinsam mit den übrigen Angeklagten habe er loyale Personen auf wichtige Kommandopositionen gesetzt und damit zur Umsetzung der gemeinsamen Politik beigetragen.

Das Gericht stellte darüber hinaus fest, dass Thaçi persönlich an bestimmten Straftaten beteiligt gewesen sei. Genannt wurde unter anderem die Festnahme und Freiheitsentziehung von 13 Personen in Ćirez und Banjica.

Obwohl Thaçi von Straftaten gewusst habe, habe er nach Auffassung der Richter keine wirksamen Schritte unternommen, um sie zu verhindern, untersuchen zu lassen oder die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Stattdessen habe er zur Aufrechterhaltung eines Systems beigetragen, in dem Verbrechen gegen als Gegner betrachtete Personen ungeahndet geblieben seien.

Unterschiedliche Rollen von Veseli, Krasniqi und Selimi

Auch bei Kadri Veseli sah das Gericht einen wesentlichen Beitrag. Als Leiter des UÇK-Nachrichtendienstes habe er eine Institution geführt, deren Aufgabe unter anderem darin bestanden habe, vermeintliche Kollaborateure zu identifizieren und zu überwachen. Nach den Feststellungen des Gerichts war Veseli zudem persönlich an einzelnen Straftaten beteiligt.

Jakup Krasniqi wiederum habe Straftaten gegen als Gegner bezeichnete Personen gefördert und gemeinsam mit den anderen Angeklagten loyale Personen in Schlüsselpositionen gebracht. Trotz seines Wissens über rechtswidrige Festnahmen, Misshandlungen und Tötungen habe er keine ausreichenden Maßnahmen zu deren Verhinderung oder Aufklärung ergriffen.

Bei Rexhep Selimi stellte das Gericht einen geringeren Umfang formaler Befugnisse als bei den anderen Angeklagten fest. Dennoch habe auch er wesentlich zum gemeinsamen Vorhaben beigetragen. Das Gericht verwies unter anderem auf seine Rolle beim Aufbau der operativen Zonen und Einheiten der UÇK und auf seine Beteiligung an einzelnen Festnahmen.

Die unterschiedlichen Rollen spiegeln sich auch im Strafmaß wider: Während Thaçi und Krasniqi jeweils 25 Jahre erhielten, wurde Veseli zu 18 und Selimi zu 13 Jahren verurteilt.

Ein Verfahren von außergewöhnlichem Umfang

Der Prozess hatte am 3. April 2023 begonnen. Die Anklage schloss ihre Beweisführung im April 2025 ab, die Beweisaufnahme insgesamt endete im Dezember 2025. Die Schlussplädoyers fanden im Februar 2026 statt. Nach Angaben des Gerichts sagten im Verfahren 134 Zeugen aus; 156 Opfer waren als Verfahrensbeteiligte zugelassen.

Thaçi, Veseli, Selimi und Krasniqi befinden sich seit November 2020 in Den Haag. Thaçi war kurz zuvor als Präsident des Kosovo zurückgetreten, nachdem die Anklage gegen ihn bestätigt worden war.

Die Kosovo Specialist Chambers sind Teil des kosovarischen Justizsystems, haben ihren Sitz jedoch in Den Haag und sind mit internationalen Richterinnen und Richtern sowie internationalem Personal besetzt. Ihr Mandat umfasst bestimmte Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und weitere Straftaten aus dem Zeitraum von Anfang 1998 bis Ende 2000.

Urteil trifft auf hoch emotionalisierte Stimmung im Kosovo

Die Entscheidung fällt in eine politisch und gesellschaftlich hoch aufgeladene Situation. Noch wenige Tage vor der Urteilsverkündung waren in Prishtina Tausende Menschen zur Unterstützung der ehemaligen UÇK-Führung auf die Straße gegangen. Für einen erheblichen Teil der kosovarisch-albanischen Bevölkerung gelten Thaçi und andere führende UÇK-Mitglieder weiterhin als zentrale Persönlichkeiten des Befreiungskampfes gegen die serbische Herrschaft.

Mit dem Urteil hat das Gericht nun eine grundlegend andere, strafrechtliche Bewertung konkreter Handlungen während des Krieges vorgenommen: Nicht die Rolle der UÇK im Krieg als solche stand zur Entscheidung, sondern die individuelle strafrechtliche Verantwortung der vier Angeklagten für die ihnen zugerechneten Verbrechen.

Das Urteil vom 16. September 2026 ist damit nicht nur eine juristische Zäsur. Seine politischen und gesellschaftlichen Folgen dürften den Kosovo weit über den Gerichtssaal in Den Haag hinaus beschäftigen.

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