Der politische Umbruch in Serbien hat am Montagabend zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall in der Belgrader Medienlandschaft geführt. Einen Tag nach der Parlamentswahl, bei der die Studentenliste die absolute Mehrheit errang und das bisherige Regierungslager um Aleksandar Vučić (SNS) eine Niederlage erlitt, versammelten sich mehrere Dutzend Menschen vor dem Gebäude des Fernsehsenders Informer. Im weiteren Verlauf drangen Demonstranten in die Räumlichkeiten ein.
Unter den Teilnehmern befand sich nach übereinstimmenden Medienberichten auch Dijana Hrka, deren Sohn beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 ums Leben gekommen war. Die Katastrophe hatte die landesweite Protestbewegung ausgelöst, aus der schließlich die erfolgreiche Studentenliste hervorging.

Aufnahmen der Versammlung wurden unter anderem von Bürgerinitiativen aus den Belgrader Stadtteilen Batajnica, Voždovac und Braće Jerković veröffentlicht. Die Demonstranten begleiteten ihre Aktion mit der Aufforderung, gemeinsam eine Redaktionssitzung abzuhalten.
Chefredakteur spricht von Geiselnahme
Ab 18 Uhr berichtete Informer in einer Live-Sendung über die Ereignisse. Eigentümer und Chefredakteur Dragan J. Vučićević erklärte, Demonstranten würden gegen Fenster und Türen schlagen und hätten einen Teil der Eingangstür beschädigt.
Vučićević sprach von einer Geiselnahme und versuchte vor laufender Kamera, die Polizei zu verständigen. Dabei war aus der Telefonverbindung eine automatische Ansage zu hören: „Alle Polizeibeamten sind derzeit beschäftigt.“
Während der Übertragung waren wiederholt laute Schläge zu hören. Zeitweise zeigte die Kamera eine Glaswand des Studios, die durch Erschütterungen in Bewegung geriet. Woher die Geräusche stammten und was sich außerhalb des Kamerabereichs tatsächlich ereignete, blieb zunächst unklar.
„Ich bitte den Staat, uns zu schützen“, erklärte Vučićević.
Im Verlauf der Sendung berichteten Mitarbeiter außerdem über einen medizinischen Notfall innerhalb des Gebäudes. Eine Journalistin verständigte vor laufender Kamera den Rettungsdienst.
Vučićević bittet Wahlsieger um Hilfe
Besonders bemerkenswert war ein Telefonat zwischen Vučićević und Ilija Srdanović, dem Spitzenkandidaten der Studentenliste.
Um 18:30 Uhr erreichte der Informer-Chefredakteur den Politiker telefonisch und ersuchte ihn, auf die Demonstranten einzuwirken und für die Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen.
Srdanović reagierte zurückhaltend. „Erlauben Sie mir, diese Information zu überprüfen“, antwortete er. Anschließend erinnerte er Vučićević an dessen bisherige Berichterstattung über seine Person: „Sie persönlich haben zahlreiche Unwahrheiten über mich verbreitet, und deshalb muss ich mich jetzt davon überzeugen, dass Sie die Wahrheit sagen.“
Das Gespräch verdeutlichte die tiefen Konflikte zwischen der Studentenbewegung und jenen Medien, die über Monate hinweg zu ihren schärfsten öffentlichen Kritikern gehört hatten.
Informer: Sprachrohr des bisherigen Regierungslagers
Die politische Bedeutung des Vorfalls erschließt sich vor allem aus der besonderen Rolle von Informer innerhalb der serbischen Medienlandschaft.
Das 2012 von Dragan J. Vučićević gegründete Boulevardmedium entwickelte sich zu einem der bekanntesten publizistischen Unterstützer von Aleksandar Vučić und dessen Serbischer Fortschrittspartei (SNS). Zum Medienunternehmen gehören eine Tageszeitung, ein Nachrichtenportal sowie der 2023 gestartete Fernsehsender Informer TV.
Informer vertritt eine ausgeprägt regierungsfreundliche redaktionelle Linie. Die Berichterstattung zeichnet sich durch zugespitzte Schlagzeilen, eine starke Personalisierung politischer Konflikte und regelmäßige Angriffe auf Oppositionelle, unabhängige Journalisten und zivilgesellschaftliche Organisationen aus.
Die internationale Medienbesitz-Datenbank Media Ownership Monitor beschreibt Informer als regierungsnahes Boulevardmedium, das wiederholt zur öffentlichen Diskreditierung politischer Gegner und Regierungskritiker eingesetzt worden sei.
Auch die Einhaltung journalistischer Standards steht seit Jahren in der Kritik. Nach Angaben des serbischen Presserats wurden allein zwischen Oktober 2022 und Jänner 2023 in 512 Informer-Artikeln Verstöße gegen den journalistischen Ethikkodex festgestellt.
Die wirtschaftliche und redaktionelle Kontrolle liegt weitgehend bei Vučićević. Über die Gesellschaft Insajder Tim hält er 99 Prozent des Unternehmens und fungiert zugleich als Chefredakteur.
Informer ist damit nicht lediglich ein konservatives oder regierungsfreundliches Nachrichtenmedium. Der Sender war über Jahre ein wichtiger Bestandteil jener medialen Öffentlichkeit, über die die Politik von Vučić unterstützt und seine politischen Gegner regelmäßig angegriffen wurden.
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