Der geplante Verkauf des Adria News Network (ANN), zu dem unter anderem der serbische Fernsehsender N1 sowie die montenegrinische Mediengruppe Vijesti gehören, sorgt für wachsende internationale Besorgnis. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) warnt, dass die Übernahme ohne vollständige Transparenz über die Finanzierung und ohne verbindliche Garantien für die redaktionelle Unabhängigkeit zu einer politischen Einflussnahme auf einige der wichtigsten unabhängigen Medien des Westbalkans führen könnte.
Die Transaktion wird derzeit von europäischen Wettbewerbs- und Medienbehörden geprüft, darunter die Wettbewerbsbehörde Montenegros sowie die luxemburgische Regierung und die dortige Medienaufsicht. Verkäufer ist die in Luxemburg ansässige United Group, Käufer soll die portugiesische Investmentgesellschaft Alpac Capital werden. Neben N1 in Serbien umfasst das Portfolio des ANN unter anderem Vijesti in Montenegro sowie Fernsehsender in Kroatien und Slowenien.
Unbekannte Finanzierung sorgt für Kritik
RSF kritisiert insbesondere, dass bis heute nicht öffentlich bekannt sei, aus welchen Quellen die Finanzierung der Übernahme stammt. Angesichts der Bedeutung von N1 als letztem großen unabhängigen Fernsehsender Serbiens sowie der führenden Rolle von Vijesti in Montenegro könne die Transaktion die Medienlandschaft des Westbalkans nachhaltig verändern.
Zusätzliche Brisanz erhält der Verkauf durch frühere Recherchen internationaler Medien. So veröffentlichten die investigativen Plattformen OCCRP und KRIK im Jahr 2025 eine geleakte Tonaufnahme, in der Spitzenmanager der United Group und des staatlich kontrollierten serbischen Telekommunikationsunternehmens Telekom Srbija über den Umgang mit Forderungen zur Absetzung von Medienmanagern sprechen, die dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić (SNS) zugeschrieben wurden. Vučić war aufgrund seiner wiederholten Angriffe auf den Sender N1 von Reporter ohne Grenzen in die Liste der „Feinde der Pressefreiheit“ aufgenommen worden.
Zudem berichteten Le Monde, Expresso und Direkt36 in einer gemeinsamen Recherche, dass Alpac Capital den paneuropäischen Nachrichtensender Euronews im Jahr 2022 teilweise mit finanzieller Unterstützung aus dem Umfeld des ehemaligen ungarischen Premierministers Viktor Orbán übernommen habe. Orbán gilt als enger politischer Verbündeter Vučićs.
RSF fordert verbindliche Schutzmechanismen
Reporter ohne Grenzen verlangt deshalb, dass Alpac Capital die Herkunft der Mittel offenlegt und europäische Behörden ihre Zustimmung an überprüfbare Garantien für die redaktionelle Unabhängigkeit knüpfen.
RSF-Prag-Direktor Pavol Szalai erklärte:
„Der Verkauf des Adria News Network kommt einem Erdbeben der Medienbesitzverhältnisse im Westbalkan gleich. Dennoch fehlen entscheidende Informationen über die Finanzierung sowie über wirksame Schutzmechanismen zwischen den Eigentümern und den Redaktionen. Intransparente Finanzierungsstrukturen begünstigen gefährliche Verflechtungen, die die redaktionelle Unabhängigkeit beeinträchtigen können – eine Unabhängigkeit, für die die Balkan-Medien des ANN, insbesondere N1 und Vijesti, seit jeher stehen und die sie trotz des Drucks der serbischen Regierung bewahrt haben. Wir fordern Alpac Capital auf, diese Informationen offenzulegen, und die europäischen Regulierungsbehörden auf, ihre Zustimmung zur Übernahme an echte und überprüfbare Garantien für die redaktionelle Unabhängigkeit zu knüpfen.“
Vertrag soll in der zweiten Jahreshälfte abgeschlossen werden
Nachdem das serbische Rechercheportal KRIK bereits am 14. Mai 2026 einen Entwurf des Kaufvertrags veröffentlicht hatte, wurde die Transaktion am 29. Mai offiziell angekündigt. Der Abschluss wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.
Formal erfolgt die Übernahme zwischen zwei in Luxemburg registrierten Gesellschaften: Verkäufer ist Summer Parent S.à r.l., die Muttergesellschaft der United Group, Käufer European Future Media Investments, eine Gesellschaft von Alpac Capital.
In ihrer gemeinsamen Mitteilung betonen United Group und Alpac Capital, dass der bestehende Governance-Rahmen des ANN den wirksamsten Schutz der redaktionellen Unabhängigkeit gewährleiste und Alpac Capital gerade deshalb als Käufer ausgewählt worden sei. Auf konkrete Fragen von Reporter ohne Grenzen zur Finanzierung sowie zu den vorgesehenen Schutzmechanismen für die Redaktionen habe Alpac Capital jedoch nicht geantwortet.
Serbien deutlich hinter Montenegro
Im aktuellen Index der Pressefreiheit 2026 von Reporter ohne Grenzen belegt Montenegro Platz 41 unter 180 untersuchten Staaten und Territorien. Serbien liegt lediglich auf Rang 104 und zählt damit weiterhin zu den Ländern mit erheblichen Defiziten bei der Medienfreiheit.
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