Mit militärischen Ehren hat Nordmazedonien den albanischen Präsidenten Bajram Begaj in Skopje empfangen. Der offizielle Besuch stand ganz im Zeichen der bilateralen Beziehungen, der europäischen Integration sowie der sicherheitspolitischen Koordination im Rahmen der NATO. Präsidentin Gordana Siljanovska-Davkova und ihr albanischer Amtskollege setzten dabei demonstrativ auf Einigkeit – sowohl in strategischen Fragen als auch im regionalen Kontext.
Staatsakt und politische Gespräche
Nach dem offiziellen Empfang im Präsidentenpalast folgten ein Vier-Augen-Gespräch sowie ein Treffen der beiden Delegationen. Begaj legte im Rahmen seines Besuchs zudem einen Kranz am Grab des mazedonischen Nationalhelden Goce Delčev in der Kirche „Sv. Spas“ nieder – ein symbolträchtiger Akt in einem politisch sensiblen historischen Umfeld.
Auf der gemeinsamen Pressekonferenz unterstrich Siljanovska-Davkova, dass die Beziehungen zwischen beiden Staaten „ausgezeichnet und freundschaftlich“ seien. Es gebe keine offenen bilateralen Fragen, vielmehr bestehe eine solide Grundlage für eine Vertiefung der Zusammenarbeit in allen Bereichen – von Wirtschaft und Infrastruktur bis hin zu Bildung und Kultur.
Auch Begaj sprach von einem partnerschaftlichen Verhältnis, das als Modell für die Region dienen könne. Die Nähe zwischen beiden Ländern sei nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich spürbar – durch Studenten, Unternehmer, Handelsbeziehungen und Tourismus.
EU-Integration: Warnung vor „Bilateraliserung“
Ein zentrales Thema des Besuchs war die europäische Perspektive. Siljanovska-Davkova warnte ausdrücklich, ohne dabei konkret Bulgarien anzusprechen, vor einer „Bilateraliserung“ des EU-Beitrittsprozesses. Identitäts- und Geschichtsfragen auf die europäische Agenda zu setzen, würde den Erweiterungsprozess unnötig verkomplizieren. EU-Mitgliedstaaten müssten verhindern, dass nationale Konflikte den Integrationsweg blockieren.
Zugleich betonte sie die Reformverpflichtung ihres Landes: Der Weg in die EU führe über Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und die Stärkung demokratischer Institutionen. Diese Kriterien seien nicht nur formale Voraussetzungen, sondern Bestandteil eines umfassenden Europäisierungsprozesses.
Begaj stellte klar, dass die europäische Integration kein rein nationales Projekt sei, sondern ein strategisches Ziel für die gesamte Region. Europa sei nicht nur eine Destination, sondern ein Standard – geprägt von Rechtsstaatlichkeit, funktionierenden Institutionen und Gleichberechtigung.
Verfassungsänderungen nur mit Garantien
In Bezug auf die Debatte über mögliche Verfassungsänderungen im Kontext der EU-Verhandlungen zeigte sich Siljanovska-Davkova offen, knüpfte ihre Zustimmung jedoch an klare Bedingungen. Sie habe grundsätzlich nichts gegen Änderungen, sofern diese mit den Kopenhagener Kriterien verbunden seien oder dem Schutz von Minderheitenrechten dienten.
Gleichzeitig forderte sie verbindliche Garantien, dass es nicht zu weiteren, politisch motivierten Nachforderungen kommen werde. Nordmazedonien habe bereits zahlreiche Verfassungsänderungen vorgenommen. Das Vertrauen in die Nachhaltigkeit getroffener Vereinbarungen sei daher entscheidend.
Zu Spekulationen über eine mögliche EU-Mitgliedschaft ohne Stimmrecht, wie es der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der albanische Premierminister Edi Rama in einem gemeinsamen Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung formuliert haben, äußerte sie sich zurückhaltend. Solche Überlegungen seien bislang nicht Teil formeller Vorschläge und daher nicht kommentierungsfähig.
NATO, Sicherheit und Kosovo-Frage
Sicherheitspolitisch betonten beide Präsidenten die enge Abstimmung im Rahmen der NATO. Die Mitgliedschaft sei nicht nur formaler Status, sondern mit strategischer Verantwortung verbunden. Beide Länder beteiligen sich an internationalen Missionen und sehen sich angesichts globaler Unsicherheiten zu verstärkter Kooperation verpflichtet.
Begaj verwies auf die Bedeutung der kritischen Infrastruktur, der Energiekoordination sowie auf geplante NATO-Projekte in Albanien. Für das kommende Jahr ist ein NATO-Gipfel in Albanien vorgesehen. Zudem erneuerte er die Unterstützung seines Landes für die internationale Einbindung des Kosovo.
Die Aggression Russlands gegen die Ukraine habe gezeigt, dass Demokratie und Sicherheit keine Selbstverständlichkeiten seien. Der Westbalkan bleibe ein sensibler geopolitischer Raum, in dem Rechtsstaatlichkeit und institutionelles Vertrauen zentrale Stabilitätsfaktoren seien.
Paneuropäischer Koridor VIII als strategische Achse
Ein weiterer Schwerpunkt war der Ausbau des Paneuropäischen Korridors VIII, der Nordmazedonien und Albanien infrastrukturell enger verbinden soll. Begaj bezeichnete das Projekt als strategische Achse, die Sicherheit und Wirtschaft miteinander verknüpfe. Der Korridor reduziere Distanzen, senke Kosten und erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit.
Für Unternehmen sei er eine Handelsarterie, für Bürger eine Beschäftigungsperspektive und für die Region ein Signal der Kooperation statt Isolation. Investitionen in diese Verbindung seien zugleich Investitionen in regionale Stabilität.
Auch Siljanovska-Davkova betonte das ungenutzte wirtschaftliche Potenzial zwischen beiden Ländern. Trotz stabiler politischer Beziehungen gebe es Spielraum bei Handelsvolumen und Investitionen. Eine intensivere Zusammenarbeit der Wirtschaftskammern sowie grenzüberschreitende Initiativen im Bereich erneuerbarer Energien, Technologie und Tourismus wurden als nächste Schritte benannt.
Minderheitenrechte als Stabilitätsfaktor
Ein wesentlicher Teil der Gespräche betraf die Rolle der albanischen Gemeinschaft in Nordmazedonien sowie der mazedonischen Minderheit in Albanien. Begaj würdigte die Umsetzung des Ohrid-Rahmenabkommens als historisches Beispiel für Konfliktlösung durch Dialog. Die faire und angemessene Repräsentation der Albaner in staatlichen Institutionen sowie die Anwendung des Sprachengesetzes seien keine technischen Fragen, sondern Kernelemente gesellschaftlicher Kohäsion.
Die albanische Gemeinschaft in Nordmazedonien, die mit knapp 450.000 Personen in 13 von 81 Gemeinden des Landes über die Hälfte der Bevölkerung stellt, sei ein staatstragender und konstruktiver Faktor. Gleichzeitig betonten beide Seiten, dass Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit für alle Bürger gelten müssten – unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit.
Breites institutionelles Programm
Neben den Gesprächen mit der Präsidentin traf Begaj auch Premierminister Hristijan Mickoski sowie Parlamentspräsident Afrim Gashi. Im Parlament unterzeichnete er sich im Gästebuch und hielt eine Ansprache vor den Abgeordneten, in der er für eine vertiefte regionale Kooperation und eine stärkere europäische Unterstützung für den Westbalkan warb.
Auch der erste stellvertretende Premierminister und Europaminister Bekim Sali führte Gespräche mit dem albanischen Staatsoberhaupt. Dabei wurde die institutionelle Zusammenarbeit im Kontext des EU-Integrationsprozesses weiter vertieft.
Insgesamt vermittelte der Besuch das Bild zweier eng abgestimmter Nachbarstaaten, die ihre bilaterale Partnerschaft strategisch ausbauen und zugleich als stabilisierender Faktor im Westbalkanraum auftreten wollen.
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