Die Vienna Insurance Group ist seit mehr als 15 Jahren in Montenegro aktiv und zählt zu den führenden Versicherungsgruppen des Landes. Christoph Rath, dass für Montenegro verantwortliche Vorstandsmitglied, spricht über die wirtschaftliche Entwicklung, das Investitionsklima und die Bedeutung des EU-Beitritts für Unternehmen und Investoren.
Westbalkan Briefing: Die Vienna Insurance Group ist seit Jahrzehnten sehr erfolgreich in CEE – Zentral- und Osteuropa aktiv. Wenn Sie Montenegro heute mit dem Land vergleichen, das Sie vor zehn oder fünfzehn Jahren kennengelernt haben: Was hat sich am stärksten verändert?
Christoph Rath: Im Vergleich zu vor zehn oder fünfzehn Jahren sehe ich vor allem mehr europäische Orientierung, mehr Selbstvertrauen und Dynamik. Das Land hat klar aufgeholt, das sieht man auch im Alltag. Der Versicherungsmarkt ist deutlich reifer geworden, Kund:innen sind anspruchsvoller geworden. Montenegro ist ein kleiner Markt, aber strategisch wichtig für den Westbalkan. Der EU-Beitrittspfad ist ein sehr positives Signal: Er bringt Reformdruck, schafft Perspektive und erhöht die Planbarkeit für Unternehmen und Investor:innen. Als Vienna Insurance Group sind wir seit 2010 in Montenegro aktiv. Als Versicherungsgruppe bekennen wir uns klar zu unseren Märkten, so auch zu Montenegro. Wir sind dort ein langfristiger Partner, der Verlässlichkeit, Vorsorge und finanzielle Sicherheit im Land stärkt.
Internationale Investoren analysieren oft Entwicklungen früher als Politik oder Medien. Welche Signale sehen Sie, die Unternehmen und Investoren derzeit in Bezug auf Montenegro senden – eher Optimismus oder Vorsicht?
Ich sehe klaren Optimismus, aber keinen naiven Optimismus. Internationale Unternehmen erkennen, dass Montenegro im EU-Erweiterungsprozess eine besondere Position einnimmt. Das schafft Vertrauen. Gleichzeitig werden institutionelle Verlässlichkeit, Fachkräfte, Verwaltungsverfahren und Marktgröße genau analysiert. Für uns überwiegt eindeutig der positive Blick. Als VIG begrüßen wir die europäische Perspektive ausdrücklich, weil sie für Wirtschaft, Kund:innen und langfristige Investor:innen wie uns große Vorteile bringt.
Viele Länder des Westbalkans kämpfen mit Abwanderung und Fachkräftemangel. Wie stark spüren Sie dieses Problem in Montenegro und welche Folgen hat es für Ihr Geschäft?
Montenegro ist von diesem Thema aus meiner Sicht derzeit nicht in gleicher Intensität betroffen wie manche Nachbarländer. Dennoch ist der Wettbewerb um gut ausgebildete, engagierte Mitarbeiter:innen auch hier spürbar – gerade in einem Dienstleistungsbereich wie der Versicherung, der stark auf Vertrauen, Beratung und langfristigen Kund:innenbeziehungen basiert. Für uns bedeutet das vor allem, dass wir uns sehr bewusst als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Wir investieren in Ausbildung, Fort- und Weiterbildung und schaffen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb unserer lokalen Gesellschaft. Das gelingt uns sehr gut: Unsere Mitarbeiter:innen in Montenegro leisten hervorragende Arbeit; ihr Engagement ist einer der Hauptgründe für unsere starke Marktposition.
Die Vienna Insurance Group ist im montenegrinischen Lebensversicherungsgeschäft mit einem Marktanteil von über 50 Prozent klarer Marktführer. Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit bei Unternehmen und Privatkunden in Montenegro besonders genau?
Unsere Gesellschaft Wiener Städtische životno osiguranje ist im montenegrinischen Lebensversicherungsgeschäft klarer Marktführer – mit über 50 Prozent Marktanteil zum ersten Quartal 2026. Außerdem konnte sie die Prämien um 27 Prozent steigern. Das zeigt die Stärke des Teams vor Ort und das Vertrauen der Kund:innen. Eine positive Rolle spielt zudem die Kooperation mit unserem starken Bankpartner, der Erste Group.
Privatkund:innen denken stärker über Vorsorge, finanzielle Sicherheit und Vermögensaufbau nach. Unternehmen beschäftigen sich intensiver mit Mitarbeiterbindung, Absicherung und Risikomanagement.
Ein wichtiger Schritt für uns als VIG ist der Aufbau einer Sachversicherungsgesellschaft in Montenegro. Das hat für mich persönlich eine besondere Bedeutung: Vor 18 Jahren durfte ich als Vorstandsassistent am Businessplan für die Greenfield-Gründung unserer Lebensversicherung mitarbeiten. Heute ist sie wie erwähnt Marktführerin in der Lebensversicherung und hochprofitabel. Die neue Gesellschaft nutzt auch die Nichtleben-Expertise unserer serbischen Gesellschaft und das etablierte Setting in Montenegro. Damit vertiefen wir auch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Erste Group als strategischem Bankpartner weiter.
Montenegro hat sich stark auf Tourismus und Immobilienentwicklung konzentriert. Ist diese wirtschaftliche Struktur langfristig tragfähig oder braucht das Land ein breiteres Fundament?
Tourismus und Immobilienentwicklung sind Stärken Montenegros und bleiben wichtig. Langfristig braucht das Land aber ein breiteres Fundament: Energie, Infrastruktur, digitale Dienstleistungen, Bildung und einen stärkeren Finanzsektor. Eine breite Versicherungs- und Vorsorgekultur zählt dazu, weil sie Haushalte, Unternehmen und die Volkswirtschaft insgesamt widerstandsfähiger macht. Diversifizierung heißt nicht, erfolgreiche Sektoren zu schwächen, sondern zusätzliche Stabilität zu schaffen.
Welche Rolle spielen politische Stabilität, institutionelle Verlässlichkeit und Rechtsstaatlichkeit bei Investitionsentscheidungen eines internationalen Konzerns wie der VIG?
Politische Stabilität, institutionelle Verlässlichkeit und Rechtsstaatlichkeit sind für uns zentral. Versicherung ist ein langfristiges Versprechen. Wir übernehmen Verpflichtungen über viele Jahre und Jahrzehnte. Dafür brauchen wir berechenbare Regeln, verlässliche Institutionen und faire Verfahren. Als VIG geht es uns nicht um kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern um Verlässlichkeit, Partnerschaft und nachhaltige Entwicklung. Unser Modell als Gruppe verbindet lokale Verantwortung mit gruppenweitem Know-how: Die Teams vor Ort kennen Kund:innen und Markt am besten und profitieren von der Stabilität einer starken internationalen Gruppe.
Wenn Sie einen wirtschaftspolitischen Rat an die montenegrinische Regierung richten könnten: Welche Reform oder Maßnahme hätte aus Ihrer Sicht derzeit die größte positive Wirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes?
Der größte Hebel liegt aus meiner Sicht in einer modernen, transparenten und digitalen Verwaltung. Wenn Genehmigungen, Ausschreibungen, Rechtsdurchsetzung und Behördenwege schneller und berechenbarer werden, stärkt das die Wettbewerbsfähigkeit unmittelbar. Montenegro hat eine echte Chance, EU-Integrationsvorreiter am Westbalkan zu bleiben. Entscheidend ist, die Reformdynamik im Alltag von Unternehmen, Bürger:innen und Investor:innen spürbar zu machen. Für die VIG ist klar: Wir wollen Montenegro langfristig begleiten – lokal verankert, gruppenweit gestärkt und mit großem Vertrauen in die Menschen vor Ort.
Maja Marković
Anmerkung: Dieses Interview ist erstmals im Westbalkan Briefing Report „Montenegro auf dem Weg in die EU“ erschienen.
Mag. (FH) Christoph Rath ist seit 2026 Vorstandsmitglied der Vienna Insurance Group und wurde vom Aufsichtsrat bis zum 30. Juni 2031 bestellt. Er ist innerhalb der Gruppe für die Märkte Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien sowie Serbien zuständig und verantwortet den Bereich RiskConsult. Der österreichische Finanzexperte verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte internationale Managementerfahrung in der Versicherungsbranche und war zuvor in Führungspositionen der Vienna Insurance Group in Serbien, Bulgarien und Tschechien tätig, zuletzt als stellvertretendes Vorstandsmitglied der Gruppe. Rath studierte Banking and Finance an der Fachhochschule BFI Wien und absolvierte ein Auslandsstudium an der University of Sydney.