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INTERVIEW | PKCG-Präsidentin Nina Drakić: „EU-Beitritt soll Montenegros Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen“

Dr. Nina Drakić, seit 2021 Präsidentin der Wirtschaftskammer Montenegros (PKCG), wurde 2025 für eine weitere vierjährige Amtszeit bestätigt. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin verfügt über internationale Erfahrung und war unter anderem für USAID, die Weltbank, GIZ und UNDP tätig. (© PKCG)

Von der Digitalisierung über den Fachkräftemangel bis zur Diversifizierung der Wirtschaft: Montenegro steht vor entscheidenden wirtschaftspolitischen Weichenstellungen. Wirtschaftskammer-Präsidentin Nina Drakić spricht im exklusiven Westbalkan Briefing Interview über Reformen, Wettbewerbsfähigkeit und die Chancen, die der EU-Beitrittsprozess für Unternehmen und Investoren eröffnet.

Westbalkan Briefing: Montenegro gilt als aussichtsreichster Kandidat für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union im Westbalkan. Welche konkreten Vorteile können montenegrinische Unternehmen bereits vor einem Vollbeitritt erwarten?

Nina Drakić: Montenegrinische Unternehmen profitieren bereits heute in erheblichem Maße vom europäischen Integrationsprozess. Vor allem erhöht die Angleichung an europäische Standards ihre Wettbewerbsfähigkeit und erleichtert den Zugang zum Markt mit nahezu 450 Millionen Verbrauchern. 

Besonders hervorheben möchte ich drei konkrete Bereiche, in denen die Auswirkungen bereits spürbar sind.

Erstens verbessert sich das Geschäftsumfeld schrittweise durch die Harmonisierung der Rechtsvorschriften, was berechenbarere Rahmenbedingungen und weniger Spielraum für Willkür bedeutet.

Zweitens werden technische und administrative Handelshemmnisse im Austausch mit der Europäischen Union abgebaut, wodurch sich für montenegrinische Unternehmen neue Möglichkeiten zur direkten Integration in europäische Wertschöpfungsketten eröffnen.

Drittens verbessert sich der Zugang zu Finanzmitteln, wobei insbesondere die Unterstützung durch den Wachstumsplan für den Westbalkan von großer Bedeutung ist. Die europäische Integration ist für die Wirtschaft kein Selbstzweck, sondern ein Instrument zur Verbesserung des Umfelds, in dem montenegrinische Unternehmen schneller wachsen, mehr investieren und wettbewerbsfähiger werden können.

KMUs bilden das Rückgrat der montenegrinischen Wirtschaft. In welchen Bereichen sehen Sie den größten Anpassungsbedarf, damit diese Unternehmen auf dem europäischen Binnenmarkt erfolgreich bestehen können?

Kleine und mittlere Unternehmen machen mehr als 99 Prozent aller Wirtschaftsunternehmen in Montenegro aus. Die Erfüllung der europäischen Anforderungen in den Bereichen Produktsicherheit, Umweltschutz sowie die Anwendung von Qualitätsstandards sind die wichtigsten Voraussetzungen für ihren erfolgreichen Geschäftsbetrieb und ihre weitere Entwicklung. Von großer Bedeutung sind außerdem die digitale Transformation und der Einsatz moderner Technologien in den Unternehmen. Gleichzeitig müssen die Managementkapazitäten gestärkt werden, insbesondere im Bereich der Finanzplanung, der Corporate Governance und der Internationalisierung der Geschäftstätigkeit. All diese Bereiche erfordern Investitionen in Wissen, Technologien und Prozesse.

Voraussetzung dafür ist jedoch der Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten, der sich zwar verbessert hat, für kleine und mittlere Unternehmen aber weiterhin eine große Herausforderung und eine zentrale Priorität darstellt, die durch geeignete Finanzierungsinstrumente unterstützt werden muss. Gerade deshalb liegt die größte Chance Montenegros als kleine Volkswirtschaft auf dem europäischen Markt in Qualität und Spezialisierung, denn bei der Konkurrenz über die Menge können wir realistischerweise nicht mithalten.

Welche Reformen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt werden von der Wirtschaft besonders begrüßt, und bei welchen Reformen beobachten Sie die größten Sorgen oder Vorbehalte der Unternehmen?

Die Wirtschaft unterstützt nachdrücklich Reformen, die zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, zu einer effizienteren Justiz, zu mehr Transparenz der Institutionen und zum Abbau administrativer Hürden beitragen. Diese Veränderungen schaffen ein stabileres und berechenbareres Geschäftsumfeld und gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen für Investitionen und eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Besonders begrüßen wir die Fortschritte bei der digitalen Transformation der öffentlichen Verwaltung, da eine effizientere Verwaltung für Unternehmen unmittelbar geringere Kosten und Zeitaufwand bedeutet.

Auf der anderen Seite äußern Unternehmen Bedenken hinsichtlich der Geschwindigkeit und der Kosten der Anpassung an bestimmte europäische Vorschriften, insbesondere in den Bereichen Umweltschutz, Abfallwirtschaft, Energie sowie Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Diese Reformen sind notwendig, und die Wirtschaft akzeptiert sie als Teil des eingeschlagenen Weges. Entscheidend ist jedoch, dass sie von realistischen Übergangsfristen, institutioneller Unterstützung und finanziellen Instrumenten begleitet werden, die den Unternehmen eine Anpassung ermöglichen, ohne ihre Liquidität oder Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.

Die montenegrinische Wirtschaft ist in hohem Maße vom Tourismus abhängig. Welche Wirtschaftszweige sollten in den kommenden Jahren gezielt entwickelt werden, damit die Wirtschaftsstruktur des Landes vielfältiger und krisenfester wird?

Der Tourismus wird auch künftig einer der wichtigsten Wirtschaftszweige unseres Landes bleiben. Langfristige Nachhaltigkeit erfordert jedoch eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft und den Aufbau einer Wirtschaftsstruktur mit mehreren tragenden Säulen, um widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks zu werden.

Besonderes Potenzial sehen wir in der verarbeitenden Industrie, insbesondere in der Produktion hochwertiger Lebensmittel und Getränke mit hoher Wertschöpfung. Ich bin überzeugt, dass heimische Produzenten mit der Qualität und Originalität ihrer Produkte erfolgreich auftreten können. Große Entwicklungsmöglichkeiten bestehen außerdem im Energiesektor, insbesondere bei Projekten im Bereich erneuerbarer Energien, sowie in der Metall- und Holzverarbeitungsindustrie. Gleichzeitig entwickeln sich die Informations- und Kommunikationstechnologien zunehmend zu einem wichtigen Wachstumsmotor und Exportsektor für Dienstleistungen.

Viele montenegrinische Unternehmen leiden unter einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um Fachkräfte im Land zu halten und neue Talente nach Montenegro zu holen?

Der Arbeitskräftemangel, die Alterung der Bevölkerung und die Auswanderung wirken sich zunehmend auf das wirtschaftliche Wachstumspotenzial aus. In den kommenden zehn Jahren könnte die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte zu einer der größten Entwicklungsherausforderungen werden. Deshalb sind Investitionen in Bildung, Qualifikationen, Innovationen und die Bindung junger Menschen inzwischen ebenso wichtig wie Investitionen in die physische Infrastruktur. Notwendig ist eine stärkere Verknüpfung des Bildungssystems mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes, die Weiterentwicklung dualer Ausbildungsmodelle sowie höhere Investitionen in fachliche und technische Kompetenzen.

Ebenso wichtig ist die Schaffung hochwertiger und gut bezahlter Arbeitsplätze, denn nur wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen können dazu beitragen, junge Fachkräfte im Land zu halten. Darüber hinaus sollten Programme zur Rückkehr montenegrinischer Fachkräfte aus dem Ausland entwickelt und gleichzeitig attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden, um internationale Talente und hochqualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen. Die Wirtschaftskammer setzt sich aktiv für einen intensiveren Dialog zwischen Wirtschaft und Bildungseinrichtungen ein, da Unternehmen entscheidende Partner bei der Definition jener Kompetenzen sind, die der Arbeitsmarkt tatsächlich benötigt.

Deshalb müssen alle Bereiche der Gesellschaft gemeinsam Bedingungen schaffen, die Menschen zum Bleiben bewegen – nicht nur durch höhere Einkommen und wirtschaftliches Wachstum, sondern auch durch Lebensqualität, soziale Sicherheit, hochwertige Bildung, kulturelle Angebote sowie das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und zum Staat.

Wie gut sind die Unternehmen auf die steigenden Anforderungen in den Bereichen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und grüne Transformation vorbereitet, die mit einer stärkeren Integration in den europäischen Binnenmarkt einhergehen?

Die Unternehmen sind unterschiedlich gut vorbereitet. Größere Unternehmen haben die digitale Transformation und die Anpassung an nachhaltige Unternehmensstandards überwiegend bereits eingeleitet. Bei Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen verläuft dieser Prozess langsamer, vor allem aufgrund begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen. Dennoch erkennen die Unternehmen zunehmend, dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht nur regulatorische Anforderungen sind, sondern auch wesentliche Faktoren ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Besonders wichtig ist, dass die Wirtschaft rechtzeitig auf die bevorstehenden Anforderungen vorbereitet wird, etwa auf die Verpflichtungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, die grüne Taxonomie und weitere Standards, die schrittweise zur Voraussetzung für den Zugang zum EU-Markt und zu Finanzierungsquellen werden. Deshalb müssen Schulungen, fachliche Unterstützung und finanzielle Anreize für grüne und digitale Investitionen weiter ausgebaut werden. Die Wirtschaftskammer sieht darin eine ihrer zentralen Aufgaben und arbeitet bereits seit vielen Jahren engagiert an der Unterstützung der Unternehmen in diesem Bereich.

Wenn Sie heute einem Unternehmer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz erklären müssten, warum er Montenegro als Investitionsstandort ernsthaft in Betracht ziehen sollte – welche drei Argumente würden Sie nennen?

Das erste Argument ist die Marktreichweite, die die Größe des Landes bei weitem übersteigt. Montenegro ist zwar ein kleiner Markt, doch dank der Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union, den CEFTA-Staaten, der Türkei und der EFTA hat ein Investor, der in Montenegro produziert, zollfreien Zugang zu einem Markt mit mehreren hundert Millionen Verbrauchern. Hinzu kommt, dass Montenegro jährlich von mehr als 2,5 Millionen Touristen besucht wird.

Das zweite Argument ist die klare europäische Perspektive. Montenegro ist Mitglied der NATO, verwendet den Euro als Zahlungsmittel und ist das am weitesten fortgeschrittene Beitrittsland auf dem Weg in die Europäische Union. Das bietet Investoren ein hohes Maß an Rechtssicherheit und langfristiger Planbarkeit.

Das dritte Argument ist das erhebliche Entwicklungspotenzial, insbesondere in den Bereichen Energie, Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Premium-Tourismus. Investoren, die heute in unseren Markt eintreten, haben die Möglichkeit, Teil einer Entwicklung zu werden, die erst noch bevorsteht – und das unter wettbewerbsfähigen Bedingungen, die in vielen entwickelten Volkswirtschaften heute nicht mehr verfügbar sind. Montenegro ist zwar klein, doch gerade deshalb kann das Land agil, flexibel und offen für Partnerschaften sein – ein Vorteil, der im modernen wirtschaftlichen Umfeld zunehmend an Bedeutung gewinnt

Dr. Nina Drakić ist seit Dezember 2021 Präsidentin der Wirtschaftskammer Montenegros (PKCG) und wurde im September 2025 für eine weitere vierjährige Amtszeit bestätigt. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin studierte an der Universität Montenegro und der Universität Donja Gorica. Vor ihrem Wechsel zur Wirtschaftskammer war sie unter anderem für ein USAID-Projekt zum WTO-Beitritt Montenegros tätig und arbeitete als Expertin für internationale Organisationen wie die Weltbank, GIZ und UNDP. Sie vertritt die montenegrinische Wirtschaft in mehreren Gremien der Regierung, wirkte an den EU-Beitrittsverhandlungen mit und ist Mitglied des Vorstands des europäischen Wirtschaftskammerverbandes Eurochambres.

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