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INTERVIEW | Filip Ivanović: „Der Westbalkan ist nicht die Peripherie des europäischen Projekts, sondern Teil seiner Zukunft“

Ivanović: „Staaten werden nicht durch ihre Schwächen definiert, sondern durch die Art und Weise, wie sie mit ihnen umgehen.“ (© Saša Matić / Vlada Crne Gore)

Filip Ivanović zählt zu den prägenden Gesichtern der montenegrinischen Regierung. Im exklusiven Interview mit dem Westbalkan Briefing spricht der Vizepremierminister für Außen- und Europapolitik über den EU-Beitritt, die geopolitische Rolle des Westbalkans, den Kampf gegen organisierte Kriminalität, Investitionen sowie die strategischen Prioritäten seines Landes.

Westbalkan Briefing: Montenegro wird heute häufig als der am weitesten fortgeschrittene Kandidat für eine EU-Mitgliedschaft im Westbalkan bezeichnet. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gründe dafür, dass Ihr Land diese Position erreicht hat?

Filip Ivanovic: Erlauben Sie mir, diese Frage aus einem etwas anderen Blickwinkel zu beantworten. Häufig wird darüber gesprochen, was Montenegro getan hat, um der am weitesten fortgeschrittene Kandidat für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union zu werden. Ebenso wichtig ist es jedoch zu verstehen, dass die europäische Integration nicht nur ein administrativer Prozess ist, sondern vor allem eine zivilisatorische und wertebezogene Entscheidung.

Staaten können Gesetze verabschieden sowie Verhandlungskapitel eröffnen und schließen, doch wirklicher Fortschritt beginnt erst dann, wenn die europäischen Werte Teil der politischen Kultur und des gesellschaftlichen Bewusstseins werden. Ich bin überzeugt, dass genau darin einer der entscheidenden Gründe liegt, warum Montenegro heute als der am weitesten fortgeschrittene Kandidat des Westbalkans für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union wahrgenommen wird.

Montenegro ist weder das größte noch das bevölkerungsreichste Land der Region, noch verfügt es über den größten wirtschaftlichen Einfluss. In den internationalen Beziehungen wird Größe jedoch nicht allein an Territorium oder Bevölkerungszahl gemessen, sondern an der Fähigkeit, ein verlässlicher Partner zu sein, Beständigkeit zu zeigen und auch in Zeiten geopolitischer Unsicherheit den Werten treu zu bleiben, die man vertritt. Gerade diese Beständigkeit hat im Laufe der Jahre die Glaubwürdigkeit Montenegros bei seinen europäischen Partnern begründet.

Auf Einladung des Westbalkan Briefings besuchte Filip Ivanović vom 25. bis 27. März 2026 Wien. Neben seiner Teilnahme am Westbalkan Briefing Salon im Haus der Industrie absolvierte der montenegrinische Vizepremierminister mehrere politische Gespräche und Termine in der österreichischen Bundeshauptstadt. (© Saša Matić / Vlada Crne Gore)

Es gibt noch einen weiteren Grund, der seltener erwähnt wird und den ich für außerordentlich wichtig halte. Die Europäische Union sucht heute nicht nur Staaten, die ihr beitreten wollen; sie sucht Staaten, die zu ihrer Zukunft beitragen können. Montenegro bietet in diesem Zusammenhang eine wertvolle Erfahrung – die Erfahrung einer Gesellschaft, der es trotz aller Herausforderungen gelungen ist, den multiethnischen Zusammenhalt, die Kultur des Dialogs und die Überzeugung zu bewahren, dass Unterschiede nicht überwunden, sondern verstanden werden müssen. In einer Zeit, in der Polarisierung zu einem globalen Phänomen geworden ist, ist das keine Kleinigkeit.

Natürlich behaupte ich nicht, dass unser europäischer Weg abgeschlossen ist. Im Gegenteil: Jede Phase der Integration bringt neue Verpflichtungen mit sich und setzt höhere Maßstäbe. Gerade darin liegt jedoch das Wesen der europäischen Idee – dass Fortschritt kein Zustand ist, den man einmal erreicht, sondern ein Prozess der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Institutionen und Gesellschaft. Darin liegt auch die transformative Bedeutung der europäischen Integration.

Deshalb bin ich überzeugt, dass Montenegro heute nicht deshalb der am weitesten fortgeschrittene Kandidat ist, weil es frei von Mängeln wäre oder seine Aufgaben vor anderen erledigt hätte, sondern auch deshalb, weil es die politische Reife bewiesen hat, die europäische Integration nicht als außenpolitische Trophäe, sondern als inneren Wandel des Staates zu verstehen.

Abschließend würde ich sagen, dass sich der Erfolg Montenegros nicht nur darin widerspiegelt, wie sehr wir uns der Europäischen Union angenähert haben, sondern auch darin, welchen Staat wir auf diesem Weg aufbauen.

Die Regierung kommuniziert mit der Initiative „28by28“ das Ziel, dass Montenegro bis 2028 Mitglied der EU wird. Wie realistisch ist dieses Ziel, wenn man berücksichtigt, dass die endgültige Entscheidung über die Aufnahme eines neuen Mitglieds nicht von der Europäischen Kommission, sondern von allen 27 Mitgliedstaaten getroffen wird, unter denen weiterhin unterschiedliche politische Interessen und Vorbehalte gegenüber einer Erweiterung bestehen?

Die Initiative „28by28“ ist weder Ausdruck politischen Optimismus noch der Versuch, der Öffentlichkeit einen attraktiven Slogan zu präsentieren. Sie stellt einen zeitlichen Rahmen dar, mit dem wir zusätzliche Verantwortung in unsere eigene Arbeit bringen wollten. Es handelt sich nicht um ein deklaratives Ziel, sondern um eine Verpflichtung, die Montenegro gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern in Abstimmung mit seinen europäischen Partnern eingeht.

In der Öffentlichkeit entsteht häufig der Eindruck, es handle sich um eine unvorhersehbare politische Gleichung, bei der das Schicksal eines Kandidaten ausschließlich von der Stimmung in den europäischen Hauptstädten abhängt. Die Erfahrung der europäischen Integration zeigt jedoch etwas anderes: Wenn ein Staat glaubwürdige Fortschritte, institutionelle Stabilität und die Fähigkeit demonstriert, die Verpflichtungen einer Mitgliedschaft zu übernehmen, erweitert sich der politische Spielraum für die Unterstützung seines Beitritts erheblich.

Mit anderen Worten: Wir können nicht im Namen der 27 Mitgliedstaaten entscheiden, aber wir können ihr Urteil durch die Qualität dessen beeinflussen, was wir tun. In der Diplomatie gilt wie im Leben: Vertrauen wird nicht eingefordert – es wird erworben.

Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass sich auch die Europäische Union heute in einem anderen geopolitischen Moment befindet als noch vor einigen Jahren. Nach einer Reihe sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen ist die Frage der Erweiterung nicht mehr nur eine technische Frage der Nachbarschaftspolitik; sie wird zunehmend zu einer Frage der langfristigen Stabilität und strategischen Widerstandsfähigkeit des europäischen Kontinents.

In diesem Zusammenhang ist der Westbalkan nicht die Peripherie des europäischen Projekts, sondern Teil der Antwort auf die Frage, wie Europa in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird. Das bestätigen die Erklärungen der höchsten Vertreter der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten. Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang den Hinweis, dass wir dies erst kürzlich auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Union und des Westbalkans gehört haben, das am 5. Juni gerade in Montenegro, in Tivat, stattfand.

Die Botschaften, die dort vermittelt wurden, waren klar und eindeutig – der finale Countdown bis zum EU-Beitritt Montenegros hat begonnen. Mit einer solchen Unterstützung besteht unsere Aufgabe darin, alles dafür zu tun, dass die Antwort der Europäischen Union auf Montenegro, wenn diese Entscheidung auf dem Tisch liegt, so selbstverständlich ausfällt, dass niemand die Frage stellt, ob wir einen Platz am Tisch verdienen.

Im deutschsprachigen Raum wird Montenegro in den Medien häufig mit organisierter Kriminalität und dem starken Einfluss von Drogenkartellen auf Teile der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Verbindung gebracht. Inwieweit stellt eine solche Wahrnehmung ein Problem für das internationale Ansehen des Landes dar, und was unternimmt die Regierung konkret, um das Vertrauen internationaler Partner und Investoren zu stärken?

Die Wahrnehmung ist in den internationalen Beziehungen wichtig, aber kein ernstzunehmender Staat kann seine Zukunft darauf aufbauen, ausschließlich einen Kampf gegen Wahrnehmungen zu führen. Die einzige nachhaltige Antwort auf ein potenziell negatives Bild besteht darin, Tatsachen zu schaffen, die dieses Bild widerlegen.

Ich weiche nicht vor der Tatsache zurück, dass Montenegro in bestimmten Phasen seiner jüngeren Geschichte mit ernsthaften Herausforderungen im Bereich der organisierten Kriminalität, aber auch der Korruption auf hoher Ebene konfrontiert war. Allerdings ist kein europäischer Staat gegen organisierte Kriminalität immun; der Unterschied liegt in der Stärke der Institutionen, die in der Lage sind, ihr entgegenzutreten.

Deshalb ist die entscheidende Frage heute nicht, ob Kriminalität existiert, sondern ob der Staat den politischen Willen und die institutionelle Stärke besitzt, sie zu besiegen. Ich bin überzeugt, dass genau hier die wichtigste Veränderung in Montenegro eingetreten ist. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist der Kampf gegen die organisierte Kriminalität nicht mehr Gegenstand politischer Rhetorik, sondern ein messbarer Prozess, der konkrete Ergebnisse hervorbringt.

Unsere internationalen Partner beurteilen dies nicht auf Grundlage der Aussagen von Politikern, sondern anhand von Ermittlungen, Anklagen, Urteilen, der internationalen polizeilichen Zusammenarbeit und der Stärkung der Institutionen der Rechtsstaatlichkeit.

Ich möchte jedoch auf eine weitere Dimension dieser Frage hinweisen. Wir versuchen nicht, die Welt davon zu überzeugen, dass das Problem nicht existiert. Im Gegenteil: Wir zeigen, dass es einen Staat gibt, der bereit ist, sich diesem Problem offen, kompromisslos und ohne geschützte Einzelpersonen zu stellen. Das ist eine Botschaft, die ein wesentlich größeres Gewicht hat als jede Werbestrategie.

Ich möchte außerdem daran erinnern, dass Montenegro die derzeitige Phase der Schließung der Verhandlungskapitel mit der Europäischen Union erreicht hat, nachdem es sämtliche Zwischenbenchmarks in den Kapiteln 23 und 24 erfüllt hatte, die sich gerade auf die Rechtsstaatlichkeit sowie den Kampf gegen organisierte Kriminalität und Korruption beziehen.

Der in diesen Bereichen erzielte Fortschritt wurde somit gleichzeitig von allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union bestätigt, was auch die Voraussetzung dafür war, dass der Beitrittsprozess fortgesetzt werden konnte.

Ich bin überzeugt, dass das internationale Ansehen Montenegros langfristig weniger davon abhängen wird, was gestern über uns gesagt wurde, sondern vielmehr davon, was wir heute zu zeigen imstande sind. Staaten werden nicht durch ihre Schwächen definiert, sondern durch die Art und Weise, wie sie mit ihnen umgehen.

Für mich ist am wichtigsten, dass Montenegro in den europäischen Hauptstädten nicht an kriminellen Gruppen erkannt wird, die versuchen, gegen den Staat zu handeln, sondern an Institutionen, die stark genug sind, zu zeigen, dass der Staat der Kriminalität immer überlegen ist.

Filip Ivanović im Gespräch mit dem österreichischen Nationalratspräsidenten Dr. Walter Rosenkranz (FPÖ) am 25. März 2026 in Wien. (© Saša Matić / Vlada Crne Gore)

Das ist das Wesen des Vertrauens und der Maßstab für die Reife jedes Staates, und ich denke, dass Montenegro in diesem Bereich ein deutlich besseres Ansehen genießt.

Wie beurteilen Sie derzeit das Interesse deutscher, österreichischer und schweizerischer Unternehmen an Montenegro? Sehen Sie Potenzial für eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit, und in welchen Bereichen?

Montenegro befindet sich heute in der Lage, sein Entwicklungspotenzial zunehmend in konkrete Investitions- und Wirtschaftschancen umzuwandeln. Das Interesse von Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist vorhanden und real. Ich bin jedoch der Ansicht, dass eine viel wichtigere Frage lautet, welche Art von Interesse wir anziehen wollen. Für Montenegro ist es nicht entscheidend, beliebiges Kapital anzuziehen, sondern Kapital, das Wissen, Technologien, hohe Standards der Unternehmensführung und langfristigen Entwicklungswert mit sich bringt. Die von Ihnen genannten Staaten stehen genau für einen solchen Raum. Es handelt sich um Volkswirtschaften, die weltweit als Synonym für industrielle Exzellenz, Innovation, technologischen Wandel und nachhaltige Entwicklung gelten.

Deshalb sehe ich das Potenzial unserer Zusammenarbeit weit über die traditionellen Investitionen in Tourismus und Immobilien hinaus, die die Wirtschaftsbeziehungen über Jahre hinweg dominiert haben.

Besonders freut es mich, dass wir seit der Bildung der Regierung, der ich angehöre, eine Intensivierung der wirtschaftlichen und politischen Kontakte mit Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebt haben. So besuchte beispielsweise im Jahr 2024 auf meine Einladung hin der schweizerische Außenminister Ignazio Cassis Montenegro. Es war der erste Besuch eines schweizerischen Außenministers seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Montenegros. Ebenfalls im Jahr 2024 besuchte die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock Montenegro. Im Jahr 2025 folgten Besuche des österreichischen Bundeskanzlers Stocker und der österreichischen Außenministerin Meinl-Reisinger sowie des deutschen Außenministers Wadephul. Diese Besuche boten die Gelegenheit, auch über eine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und ein größeres Investitionsvolumen in Montenegro zu sprechen.

In diesem Zusammenhang sehe ich bedeutende Chancen in den Bereichen erneuerbare Energien, digitale Wirtschaft, Spitzentechnologien, nachhaltige Infrastruktur, Gesundheitsdienstleistungen, Bildung und berufliche Qualifizierung.

Wenn wir im Europa des 21. Jahrhunderts wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir Investitionen anziehen, die neue Werte schaffen und nicht lediglich neuen Konsum.

Besonders ermutigt mich die Tatsache, dass immer mehr europäische Unternehmen heute nach stabilen und verlässlichen Standorten im unmittelbaren europäischen Umfeld suchen. In einer Zeit, in der sich die globalen Lieferketten tiefgreifenden Veränderungen unterziehen, werden geografische Nähe, politische Stabilität und die europäische Perspektive zu bedeutenden Wettbewerbsvorteilen. Montenegro verfügt über eine Chance, die es nicht ungenutzt lassen darf.

Gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit keine Einbahnstraße sein darf. Unser Ziel ist es nicht nur, ausländische Unternehmen anzuziehen, sondern durch die Zusammenarbeit mit ihnen auch die heimischen Kapazitäten auszubauen, montenegrinische Unternehmen zu stärken und Generationen junger Menschen hervorzubringen, die in der Lage sein werden, gleichberechtigt an der europäischen Wissenswirtschaft teilzunehmen.

Deshalb würde ich sagen, dass das größte Potenzial der Zusammenarbeit zwischen Montenegro und den deutschsprachigen Ländern nicht allein im Kapital liegt, sondern auch im Transfer von Wissen, Technologie und Unternehmenskultur.

Montenegro ist Mitglied der NATO, EU-Beitrittskandidat und gehört geopolitisch zum Westen. Wie schwierig ist es heute für einen kleinen Staat, in einer Welt wachsender globaler Spannungen eine stabile und berechenbare Politik zu verfolgen?

Es besteht die weit verbreitete Auffassung, dass kleine Staaten dazu verurteilt sind, passive Beobachter großer geopolitischer Prozesse zu sein. Ich bin überzeugt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. In einer Zeit globaler Unsicherheit kann gerade die Fähigkeit kleiner Staaten, klar, prinzipientreu und ohne strategische Ambivalenzen zu handeln, ihr größter Vorteil sein.

Unsere Mitgliedschaft in der NATO, unser europäischer Weg und die vollständige Angleichung an die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union sind nicht das Ergebnis momentaner Umstände, sondern Ausdruck einer langfristigen staatlichen Entscheidung.

In den internationalen Beziehungen wird häufig über Macht gesprochen. Macht ist jedoch nicht nur eine Frage der Größe des Staatsgebiets, des militärischen Potenzials oder der wirtschaftlichen Stärke. Es gibt auch die Macht der Berechenbarkeit. In einer Welt, die immer weniger berechenbar ist, werden Staaten, die ihren Partnern Vertrauen vermitteln, wichtiger, als es ihre Größe vermuten lässt. Genau danach strebt Montenegro – ein Staat zu sein, dessen Entscheidungen vorhersehbar sind, dessen Positionen klar sind und dessen Wort Gewicht hat, weil es konsequent ist.

Natürlich leben wir in einer Zeit, in der sich die internationale Ordnung ernsthaften Herausforderungen gegenübersieht. Kriege, Energiekrisen, technologische Rivalitäten und eine zunehmende Polarisierung schaffen Umstände, in denen Staaten häufig gezwungen sind, rasch Position zu beziehen. Unsere außenpolitische Ausrichtung bleibt fest und unverändert.

Gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass kleine Staaten eine besondere Verantwortung haben, eine Stimme des Dialogs zu sein. Sie können globale Prozesse vielleicht nicht allein gestalten, aber sie können zu einer Kultur der Zusammenarbeit, des Verständnisses und der Achtung des Völkerrechts beitragen. Das ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern von politischer Reife.

Außenpolitischer Austausch in Wien: Filip Ivanović mit Petra Bayr (SPÖ), Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des österreichischen Nationalrats und Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, sowie WKÖ-Vizepräsident und Nationaratsabgeordneten Christoph Matznetter (SPÖ) am 26. März 2026. (© Saša Matić / Vlada Crne Gore)

Für Montenegro ist es unter diesen Umständen besonders wichtig, seine Sicherheit nicht ausschließlich aus einer militärischen oder geopolitischen Perspektive zu betrachten, denn die Grundlagen der Stabilität werden durch starke Institutionen, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger geschaffen. Ein Staat, der im Inneren stabil ist, ist gegenüber äußerem Druck wesentlich widerstandsfähiger.

Deshalb möchte ich wiederholen, dass es heute nicht das Schwierigste ist, ein kleiner Staat zu sein; am schwierigsten ist es, ein Staat ohne klare Identität und ohne strategische Ausrichtung zu sein. Montenegro weiß, wohin es gehört, weiß, welche Werte es verteidigt, und weiß, welche Zukunft es gestalten will. Gerade diese Klarheit wird heute zu seiner wichtigsten Form von Stärke.

In den vergangenen Jahren sieht sich die Westbalkanregion mit einer starken Abwanderung junger Menschen und qualifizierter Arbeitskräfte konfrontiert. Wie plant Montenegro, junge Menschen im Land zu halten und ihnen eine langfristige Perspektive zu bieten?

Wenn wir über die Abwanderung junger Menschen sprechen, konzentrieren wir uns häufig auf die Folge und viel seltener auf die Ursache. Junge Menschen gehen nicht nur wegen höherer Gehälter. Sie gehen dorthin, wo sie die Möglichkeit sehen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, wo sie nach ihrem Wissen und ihrer Arbeit geschätzt werden, wo sie ihre Zukunft mit Zuversicht planen können und daran glauben, dass ihr Einsatz die Qualität ihres Lebens verändern kann.

Deshalb ist die Frage, junge Menschen im Land zu halten, nicht nur eine Frage der Demografie oder des Arbeitsmarktes. Sie ist ihrem Wesen nach eine Frage des Vertrauens zwischen dem Staat und den Generationen, die nachkommen.

Montenegro kann und sollte nicht ausschließlich über die Höhe der Löhne mit den größten europäischen Volkswirtschaften konkurrieren. Worin es erfolgreich sein kann, ist die Schaffung einer Gesellschaft, in der junge Menschen das Gefühl haben, Raum für Fortschritt zu haben, in der die Institutionen für sie und nicht gegen sie arbeiten und in der Erfolg nicht von Privilegien, sondern von Fähigkeiten abhängt.

Gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass wir auch die Art und Weise ändern müssen, wie wir die Mobilität junger Menschen betrachten. Im heutigen Europa ist das Weggehen nicht zwangsläufig ein Verlust. Das Problem entsteht dann, wenn das Weggehen zu einer Einbahnstraße wird. Unser Ziel sollte nicht sein, junge Menschen innerhalb der Staatsgrenzen festzuhalten, sondern Bedingungen zu schaffen, die sie dazu bewegen, zurückzukehren. Eine Gesellschaft, die Angst vor der Abwanderung ihrer jungen Menschen hat, zeigt Unsicherheit; eine Gesellschaft, die in der Lage ist, sie zurückzuholen, zeigt Selbstvertrauen.

Gerade deshalb haben die europäischen Integrationen für Montenegro auch eine wichtige generationenbezogene Dimension. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ist nicht nur ein außenpolitisches Ziel. Sie bedeutet mehr Möglichkeiten für Bildung, Forschung, Innovation, Unternehmertum und hochwertigere Arbeitsplätze. Mit anderen Worten: Der europäische Weg ist nicht nur der Weg des Staates nach Europa, sondern auch der Weg zur Schaffung europäischer Lebensbedingungen in Montenegro.

Ich bin insbesondere davon überzeugt, dass die Zukunft unseres Landes nicht davon abhängen wird, wie viele junge Menschen wir mit administrativen Maßnahmen im Land halten, sondern davon, inwieweit wir in der Lage sein werden, eine Wissenswirtschaft aufzubauen.

Wenn wir jedoch über konkrete Zahlen sprechen, möchte ich hervorheben, dass der Durchschnittslohn in Montenegro heute doppelt so hoch ist wie vor fünf Jahren, dass der Mindestlohn nahezu verdreifacht wurde und dass die Arbeitslosenquote auf einem historischen Tiefstand liegt.

Wir sind uns jedoch bewusst, dass das nicht ausreicht und dass Investitionen in Bildung, Wissenschaft, digitale Transformation und Innovationen keine Kosten darstellen, sondern die wichtigste Investition in die Zukunft der Nation sind.

Junge Menschen verlangen vom Staat keine Perfektion, sondern einen Grund, an ihn zu glauben. Wenn es uns gelingt, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Wissen mehr Gewicht hat als Privilegien und Arbeit stärker belohnt wird als die Zugehörigkeit zu irgendeiner Interessengruppe, dann wird die Abwanderung junger Menschen nicht länger das beherrschende Thema sein. Denn junge Menschen bleiben nicht dort, wo das Leben am einfachsten ist; sie bleiben oder kehren dorthin zurück, wo sie das Gefühl haben, dass ihre Zukunft einen Sinn hat. 

Unsere Aufgabe ist es, Montenegro zu genau einem solchen Ort zu machen.

Wie beurteilen Sie heute die Beziehungen Montenegros zu seinen Nachbarstaaten, und inwieweit kann die regionale Zusammenarbeit zur Stabilität und wirtschaftlichen Entwicklung des Westbalkans beitragen?

Wenn wir über die Region des Westbalkans sprechen, wird häufig zu viel Energie auf das Erbe der Vergangenheit und zu wenig auf das Potenzial der Zukunft verwendet. Ich sage oft, dass die Geografie Schicksal ist. Die Geschichte kann nicht verändert werden, aber wir können entscheiden, ob wir ihre Geiseln bleiben oder zu ihren verantwortungsvollen Erben werden. Montenegro hat sich für Letzteres entschieden.

Wir sind überzeugt, dass gute Beziehungen zu den Nachbarstaaten keine Frage politischer Taktik, sondern eine Frage der strategischen Kultur eines Staates sind. Für ein kleines Land wie Montenegro ist ein stabiles und berechenbares regionales Umfeld nicht nur ein außenpolitisches Interesse – es ist eine Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung, Investitionssicherheit und den gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt.

Filip Ivanović im Gespräch mit SPÖ-EU-Delegationsleiter und Albanien-Berichterstatter des EU-Parlaments Andreas Schieder am 27. März 2026 in Wien. (© Saša Matić / Vlada Crne Gore)

Die regionale Zusammenarbeit sollte jedoch nicht nur durch die Brille der politischen, mitunter recht komplexen Beziehungen betrachtet werden. Ihr wahrer Wert bemisst sich daran, inwieweit sie das Leben der Menschen erleichtert. Wenn Studierende leichter in der Region studieren können, wenn Unternehmer einfacher grenzüberschreitend tätig sein können, wenn die Infrastruktur die Märkte miteinander verbindet, statt sie voneinander zu trennen, dann entfaltet die regionale Zusammenarbeit ihren vollen Sinn.

Ich bin überzeugt, dass die größte Herausforderung des Westbalkans heute darin besteht, dass wir noch immer zu viel über Identitätsfragen und zu wenig über Fragen der Wettbewerbsfähigkeit sprechen. Während die entwickelten Teile Europas über künstliche Intelligenz, die Energiewende und neue Technologien diskutieren, bleibt unsere Region manchmal in Debatten gefangen, die dem vergangenen Jahrhundert angehören. Gerade deshalb ist Zusammenarbeit notwendig – nicht, weil die Europäische Union sie von uns erwartet, sondern weil es die Logik der Entwicklung verlangt.

Montenegro möchte in diesem Prozess ein Faktor der Verbindung und nicht der Spaltung sein. Unsere europäische Perspektive und die guten Beziehungen zu allen Nachbarstaaten geben uns die Möglichkeit, zum Dialog, zum gegenseitigen Verständnis und zur Schaffung eines Umfelds beizutragen, in dem Zusammenarbeit die natürlichere Wahl ist als Konfrontation.

Ich bin außerdem der Auffassung, dass die regionale Zusammenarbeit der beste Test für politische Reife und die Fähigkeit ist, sich statt auf Unterschiede auf all das zu stützen, was uns verbindet, und den Blick auf die große Zahl an Gemeinsamkeiten zu richten, die unsere Zusammenarbeit erleichtern können.

Ich bin überzeugt, dass die Stabilität des Westbalkans weder das Ergebnis eines vollständigen Fehlens von Meinungsverschiedenheiten sein wird noch sein muss; sie wird das Ergebnis der Fähigkeit sein, unterschiedliche Auffassungen durch Dialog und nicht durch das Errichten neuer Mauern zu lösen. Das ist eine Lehre, die Europa nach seinen größten Tragödien gezogen hat und die auch unsere Region vollständig verinnerlichen muss.

Deshalb betrachte ich die regionale Zusammenarbeit nicht als diplomatische Verpflichtung, sondern als Investition in die Zukunft, denn kein Staat des Westbalkans wird für sich allein wirklich erfolgreich sein. Gemeinsam können wir eine Region schaffen, die für die Chancen bekannt ist, die sie schafft, und nicht für die Krisen, die sie hervorbringt.

Wenn Sie heute auf Ihr Land blicken – was ist der größte Vorteil und was seine größte Herausforderung?

Montenegro ist ein Land, das über zahlreiche Vorteile verfügt, die nicht immer ausreichend wahrgenommen werden. Wir sind ein kleiner Staat, doch gerade deshalb haben wir das Privileg, Veränderungen, für die andere Jahrzehnte benötigen, wesentlich schneller verwirklichen zu können. Wir haben eine Gesellschaft, die groß genug ist, um vielfältig zu sein, und zugleich klein genug, um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder gegenseitig zu verstehen. Wir verfügen über eine geografische Lage, die uns mit dem Mittelmeerraum und Mitteleuropa verbindet. Wir haben eine Geschichte, die uns gelehrt hat, dass Freiheit keinen Preis hat, sowie einen multiethnischen Zusammenhalt, der eines der wertvollsten Vermächtnisse des modernen Montenegro darstellt.

Was ich jedoch als unseren größten Vorteil betrachte, ist weder die geografische Lage noch die natürliche Schönheit oder die strategische Position. Unser größter Vorteil ist die Tatsache, dass wir noch immer die Möglichkeit haben, unsere Zukunft nach unseren eigenen Maßstäben zu gestalten.

Viele entwickelte Staaten versuchen heute, Systeme zu reformieren, die über Generationen hinweg aufgebaut wurden; wir haben noch immer die Möglichkeit, Institutionen zu schaffen, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen, aus den Erfahrungen anderer zu lernen und viele Fehler zu vermeiden, die andere bereits gemacht haben.

Gleichzeitig ist unsere größte Herausforderung weder die Wirtschaft noch die Geopolitik oder gar der europäische Integrationsprozess. Die größte Herausforderung besteht darin, als Gesellschaft eine langfristige Kultur des Vertrauens zu entwickeln – Vertrauen in die Institutionen, in das Wissen, in den Dialog und in die eigenen Fähigkeiten.

Es gibt nur wenige Staaten, die am Mangel an Ressourcen gescheitert sind. Weitaus mehr sind an einem Mangel an einer gemeinsamen Vision zurückgeblieben. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Zukunft Montenegros weniger davon abhängen wird, über wie viele natürliche Reichtümer wir verfügen, sondern vielmehr davon, inwieweit wir in der Lage sein werden, einen gesellschaftlichen Konsens über die wichtigsten nationalen Prioritäten zu schaffen.

Heute wird häufig über politische Spaltungen, Identitätsfragen oder die alltäglichen Unterschiede gesprochen, die in jeder demokratischen Gesellschaft bestehen. Ernstzunehmende Staaten werden jedoch nicht durch das Fehlen von Unterschieden definiert, sondern durch die Fähigkeit, trotz dieser Unterschiede das gemeinsame Interesse zu erkennen.

Für Montenegro ist dieses gemeinsame Interesse klar: der Aufbau eines modernen europäischen Staates, der auf Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftlichem Wohlstand und Chancengleichheit für jeden Bürger beruht.

Deshalb bin ich Optimist. Nicht weil ich glaube, dass die Herausforderungen gering sind, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Potenziale Montenegros größer sind als die Hindernisse, vor denen es steht.

Wenn ich unseren größten Vorteil und unsere größte Herausforderung in einem einzigen Satz zusammenfassen müsste, würde ich Folgendes sagen: Montenegro ist ein Land, das alle Voraussetzungen hat, erfolgreich zu sein; die Frage, die vor uns steht, lautet nicht, ob wir es können, sondern ob wir genügend Weisheit, Geduld und gemeinsamen Willen aufbringen werden, dieses Potenzial in einen dauerhaften Erfolg zu verwandeln.Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen werden, und ich weiß, dass mit dem baldigen Beitritt zur Europäischen Union nicht nur Montenegro gewinnen wird, sondern die gesamte europäische Familie.

Dr. Filip Ivanović ist Mitglied der PES und Vizepremierminister für Außen- und Europapolitik. Zuvor war er von Oktober 2023 bis Juli 2024 Außenminister des Landes. Er studierte Philosophie an der Universität Bologna und promovierte an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie in Trondheim. Darüber hinaus absolvierte er ein postgraduales Diplom in diplomatischer Praxis am Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen (UNITAR).Vor seinem Wechsel in die Politik war Ivanović international in Wissenschaft und Forschung tätig, unter anderem an den Universitäten Leuven und Aarhus, am Van Leer Jerusalem Institute sowie an der Universität Donja Gorica. Er war Mitglied der montenegrinischen Verhandlungsgruppe für das EU-Beitrittskapitel „Wissenschaft und Forschung“, ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und gehört mehreren internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen an, darunter der Young Academy of Europe und der Royal Historical Society.

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