Wenige Tage vor der Abstimmung des Europäischen Parlaments über den aktuellen Fortschrittsbericht zu Albanien hat der zuständige Berichterstatter Andreas Schieder (SPÖ) dem Land weitere Fortschritte auf dem Weg in die Europäische Union attestiert. Zugleich machte der österreichische Europaabgeordnete deutlich, dass sich die Anforderungen an den Beitrittsprozess zunehmend von klassischen Reformthemen auf soziale, arbeitsrechtliche und ökologische Fragen verlagern.
„Albanien hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt und bewegt sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf eine EU-Mitgliedschaft zu“, so Schieder. Das von der Regierung in Tirana formulierte Ziel, die Beitrittsverhandlungen bis Ende 2027 abzuschließen, erscheine mittlerweile realistisch.
Besonders hervor hob der Berichterstatter die weiterhin außergewöhnlich hohe Unterstützung des EU-Beitritts in der albanischen Bevölkerung. „Die überwältigende Mehrheit der Albanerinnen und Albaner sieht ihre Zukunft in der Europäischen Union. Diese gesellschaftliche Unterstützung ist ein wichtiger Motor für den Reformprozess“, betonte Schieder.
Soziale Standards rücken stärker in den Fokus
Während sich die europäische Debatte über Albanien in den vergangenen Jahren vor allem auf Justizreformen, Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit konzentrierte, rücken laut Schieder nun verstärkt soziale und arbeitsrechtliche Fragen in den Vordergrund.
„Ein erfolgreicher EU-Beitritt bedeutet nicht nur die Erfüllung politischer Kriterien. Ebenso wichtig sind faire Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit und starke Arbeitnehmerrechte“, erklärte der SPÖ-Politiker.
Der Fortschrittsbericht mache deutlich, dass funktionierende Sozialsysteme, wirksame Schutzmechanismen für Beschäftigte und die Einhaltung europäischer Sozialstandards zunehmend zu den zentralen Prüfsteinen des Integrationsprozesses werden.
Damit signalisiert das Europäische Parlament, dass die Bewertung eines Kandidatenlandes längst nicht mehr ausschließlich anhand institutioneller Reformen erfolgt, sondern zunehmend auch an der sozialen Qualität seiner wirtschaftlichen Entwicklung gemessen wird.
Kritik an umstrittenen Investitionsprojekten
Gleichzeitig äußerte Schieder Bedenken hinsichtlich großflächiger Tourismus- und Immobilienprojekte entlang der albanischen Küste. Ohne einzelne Vorhaben ausdrücklich zu nennen, verwies er auf die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessen den Schutz sensibler Naturräume und langfristige Nachhaltigkeitsziele verdrängen könnten.
„Nachhaltiger Tourismus ist für Albanien die langfristig sinnvollste Entwicklungsstrategie. Kurzfristige Gewinne dürfen nicht zulasten von Natur, Umwelt und zukünftigen Generationen gehen“, erklärte Schieder.
Der SPÖ-EU-Delegationsleiter erinnerte daran, dass die Umweltgesetzgebung der Europäischen Union zu den strengsten weltweit gehört. „Der EU-Beitrittsprozess bietet den besten Rahmen, um Natur- und Umweltschutz dauerhaft zu sichern und wirtschaftliche Entwicklung mit Nachhaltigkeit zu verbinden“, so Schieder.
Geopolitische Bedeutung des Westbalkans
Neben Umwelt- und Wirtschaftsfragen hob Schieder auch die strategische Bedeutung des Westbalkans für die Europäische Union hervor. Die Region stehe zunehmend im Fokus konkurrierender geopolitischer Interessen.
„Der Westbalkan ist nicht nur eine Erweiterungsfrage, sondern auch eine geopolitische Frage. Europa kann es sich nicht leisten, in dieser Region strategischen Einfluss zu verlieren“, warnte Schieder. Vor dem Hintergrund wachsender Investitionen aus Drittstaaten sowie des Einflusses Russlands und Chinas sei eine enge politische und wirtschaftliche Anbindung Albaniens an die Europäische Union von zentraler Bedeutung.
Der Erweiterungsprozess dürfe deshalb nicht allein als technischer Verhandlungsprozess verstanden werden. „Die europäische Perspektive schafft Stabilität, stärkt demokratische Institutionen und verankert europäische Werte in einer strategisch wichtigen Region“, so Schieder.
Seine Aussagen verdeutlichen den Wandel der europäischen Debatte über Albanien: Während die Frage eines EU-Beitritts heute weniger umstritten erscheint als noch vor wenigen Jahren, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die Qualität des wirtschaftlichen Wachstums, den Schutz natürlicher Ressourcen und die soziale Dimension der Integration. Gerade in diesen Bereichen werden die kommenden Jahre darüber entscheiden, wie nachhaltig Albaniens europäischer Kurs tatsächlich sein wird.
redaktion / OTS